Es überrascht nicht, dass die Inszenierung «Esther. Eine Geschichte aus dem Bruderholz» am Theater Basel in dieser Saison nochmals aufgenommen wird. Kritik wie Publikum schwärmten von Kathrin Hammerls intensiven Inszenierung des Ein-Personen-Monologs. Er basiert auf der Textgrundlage von Lore Bergers «Der barmherzige Hügel. Eine Geschichte gegen Thomas». Es ist, der Untertitel verrät es, unter anderem eine Geschichte gegen Liebeskummer, oder, vielleicht besser gesagt: eine Geschichte über Liebeskummer. In der Basler Inszenierung verkörpert die 29-jährige Schauspielerin Leonie Merlin Young die Höhen und Tiefen einer jungen Frau aus dem Bruderholz mit einem grossen Gespür für die Kraft und Zerbrechlichkeit einer talentierten jungen Baslerin während der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Das Publikum der letzten Saison war altersmässig sehr durchmischt. Junge Menschen erkannten sich in der Sehnsucht, im Lebenshunger und im Zweifeln der Figur Esther. Viele Besucher schätzten den Basler Bezug der Erzählung. Tatsächlich nimmt Lore Berger alias Esther immer wieder Bezug auf die Stadt Basel, etwa in witzigen Beschreibungen des Totentanzes. Die Gegend rund um den Wasserturm im Bruderholz beschreibt sie mit geradezu poetischer Aufmerksamkeit. Auch Edgar-Louis Berger, der 92-jährige Bruder der verstorbenen Autorin, war sehr gerührt, dass der Roman seiner Schwester im Basler Theater aufgeführt wurde.

Bis vor kurzem vergriffen

Das literarische Talent dieser damals kaum 21-jährigen Autorin sprang so offensichtlich ins Auge, dass nicht wenige nach dem Theaterbesuch die Textgrundlage zu lesen wünschten. Leider vergeblich, selbst die zweite, 1999 von Charles Linsmayer herausgegebene Ausgabe des Buches, war bereits seit einigen Jahren vergriffen.

In dieser Saison wird das anders sein: Kürzlich erschien, ebenfalls von Charles Linsmayer ediert, eine erweiterte Neuauflage dieses ersten und einzigen Romanes, den Lore Berger verfasst hatte. Ergänzt ist er dieses Mal durch ausgewählte Fragmente aus Bergers Tagebuch und einem von Linsmayer verfassten Essay, der das Werk biografisch und literaturhistorisch einordnet.

Zu unterschiedlichen Zeiten wurde Bergers Roman unterschiedlich besprochen. Beim Erscheinen stark mit ihrem tragischen Freitod, mit dem Sprung vom Wasserturm, verbunden, galt er bei seiner Wiederentdeckung 1981 als ein Beispiel für Magersucht und später für Feminismus. Literarisch steht der Roman dem ebenfalls von Linsmayer ausgegrabenen «Das glückliche Tal» von Annemarie Schwarzenbach in nichts nach.

Die vielen Schwarz-Weiss-Fotos, die den biografischen Essay begleiten, bieten einen zusätzlichen, persönlichen Zugang zur Schriftstellerin Lore Berger. Man sieht sie etwa mit ihrem Hund Jazz, der auch in ihren ersten und einzigen Roman Eingang fand.