Stadtgeschichte

Das Dorf in der Grossbasler Altstadt – der Andreasplatz und seine Geschichte

Einst stand hier eine Kirche und nach dem Zweiten Weltkrieg musste er gar um seine Zukunft bangen: Der Andreasplatz. Im Rahmen ihrer Maturarbeit hat Zoe Kiry dem verwunschenen Ort eine Webseite gewidmet.

Ihr Rivella bekommt Zoe Kiry im «Ängel oder Aff» umsonst. «Unsere lokale Prominenz zahlt hier nichts», sagt Geschäftsführerin Firuzan Aydin. Kiry ist hier aufgewachsen. Dass sie den Platz mitten in der Grossbasler Altstadt im vergangenen Jahr zum Thema ihrer Maturaarbeit macht und dafür stundenlang im Staatsarchiv Akten wälzt, ist für die 18-Jährige eine Herzensangelegenheit.

«Der Platz liegt wortwörtlich direkt vor meiner Nase. Plötzlich ist mir aufgefallen, dass ich eigentlich fast gar nichts über seine Geschichte weiss», sagt die Schülerin. Im Internet findet die Gymnasiastin nur wenig Wissenswertes über den Platz. Um dem historischen Ort mehr Reichweite zu geben, entschliesst sich Kiry, ihm eine Webseite zu widmen.

Streitpunkt St. Andreas-Kapelle

Informationen für ihr Projekt findet Kiry im Staatsarchiv. Von ihren Nachbarn lässt sie sich Anekdoten erzählen. So schreibt die Maturantin etwa über die St. Andreas-Kapelle, die einst fast den ganzen Platz für sich beanspruchte. Das 1241 erstmals schriftlich erwähnte Kirchengebäude wurde zuletzt von der Zunft zu Safran als Warenlager genutzt. Als 1718 die Anwohner der Schneidergasse und des Andreasplatzes die «Wegschaffung der Andreaskirche» verlangten, entbrannte ein Streit, der rund 70 Jahre dauern sollte.

Der Platz sei so eng, «dass man mit keiner Feuerspritzen dahien kommen, noch dieselben allda kehren und wenden und Leyteren stellen» könne, stand in der Petition der Anwohner. Die Zunft jedoch wollte nicht auf ihr Warenlager verzichten. 1792 wurde schliesslich dem Gesuch der Anwohner entsprochen und das Gotteshaus abgebrochen. Noch heute markieren rötliche Steine im Pflastersteinboden des Andreasplatzes den einstigen Grundriss der entfernten Kapelle.

Durch den Abriss der kleinen Kirche entstand neue Nutzfläche: Wer im 19. und 20. Jahrhundert Geflügel brauchte oder sich ein Reh für 20 Rappen kaufen wollte, ging auf den «Andrese-» oder «Bibbelimärt». Weniger bekannt: Auf dem Markt wurden neben Wild und Geflügel auch Hunde verkauft. Da es sich dabei jedoch um einen «widerrechtlichen Handel mit Hunden äusserst zweifelhafter Herkunft» handelte und die Verkäufer ihre Tiere oft mit faulen Tricks zu verkaufen versuchten, beschloss der Regierungsrat 1934, den Hundemarkt einzustellen.

Der rot-braune Affe

Das bunte Markttreiben sollte aber vor allem von einem nicht unbeobachtet bleiben: Seit 1876 thront nämlich ein rot-brauner Affe auf dem Brunnen inmitten des Andreasplatzes. Das Äffchen, das einem heute ins Auge sticht, wenn man den Platz betritt, ist jedoch schon das dritte seiner Art. Sein ältester Vorfahre sitzt seit über hundert Jahren im Historischen Museum Basel.

Der Grund: Da das Tier in die Jahre gekommen war, wollte man die brüchig gewordene Brunnenfigur wieder instand setzen. Da eine Sanierung praktisch gleich viel gekostet hätte wie die Anfertigung einer neuen Figur, entschied das Basler Sanitätsdepartement sich für letzteres. Deshalb wurde der alte Affe 1916 dem Historischen Museum übergeben und durch einen neuen ersetzt.

Rund 40 Jahre später wurde der neue Affe versehentlich verstümmelt: «Die beiliegende Affenhand wurde am 25. März 1952, ca. 18.30 Uhr, durch den 5-jährigen Knaben G. Léon, whft. Andreasplatz 7, abgerissen», beschreibt die Jugendstaatsanwaltschaft den Tathergang. Eine böswillige Sachbeschädigung habe aber nicht vorgelegen. 1973 wurde eine zweite Kopie des Affen angefertigt — die seither mit wachendem Auge den Platz überblickt.

Der Andreasplatz in Gefahr

«Als ich bei meiner Recherche auf die ursprünglich geplante Talentlastungsstrasse gestossen bin, war ich schockiert», sagt Kiry. Was viele nicht wissen: Wäre der 1949 beschlossene «Korrektionsplan Grossbasel» umgesetzt worden, gäbe es den Andreasplatz heute nicht mehr. Um dem grossen Verkehrsaufkommen entgegenzuwirken, hatte die Basler Regierung den Plan nach dem Zweiten Weltkrieg lanciert.

Das Geschäftszentrum sollte mit dem Bahnhof und den Wohnquartieren verbunden und dazu zwischen Marktplatz und Bahnhof eine vierspurige Strasse gebaut werden. Der Marktplatz wäre dabei als Verkehrsdrehscheibe genutzt worden und die Marktstände hätten dem Verkehr weichen müssen. Der Plan: Den Andreasplatz als Marktplatz-Ersatz und als Fläche für neue Parkplätze zu nutzen. Das Problem: zu wenig Raum. Um den Platz stark zu vergrössern, wollte man einen Grossteil der alten Bausubstanz abreissen.

Das Basler Stimmvolk nahm das Projekt per Abstimmung 1949 zwar an – realisiert wurde der Korrektionsplan jedoch nie. Aufgrund der schnellen Verkehrsentwicklung ordnete die Regierung 1955 nämlich die Erarbeitung eines Gesamtverkehrsplans an. Dieser machte den Korrektionsplan Grossbasel schlussendlich überflüssig. Dennoch existierte der Plan formell noch bis in die 1970er-Jahre.

Eine ungewisse Zukunft und ihre Folgen

Dass die Zukunft der Verkehrsplanung so lange ungewiss blieb, hatte Folgen: Die Hausbesitzer hüteten sich davor, in die von der Linienführung betroffenen Liegenschaften zu investieren. Deshalb wurde der Andreasplatz von Jahr zu Jahr unansehnlicher. 1971 stellte das Stadtplanungsbüro einen Sanierungsplan für die Altstadt vor. Als dieser angenommen wurde, verabschiedete man sich endgültig vom «Korrektionsplan Grossbasel».

Die Basler Altstadt konnte gleich in zweifacher Sicht aufatmen: Die Hausbesitzer bemühten sich wieder darum, ihre Gebäude am Leben zu erhalten, und 1977 wurde die gesamte Altstadt der Schutz- und Schonzone zugewiesen.

«Irgendwann hatte ich für die Webseite so viel Info-Material über die Vergangenheit des Platzes gesammelt, dass ich mich auf gewisse Themen beschränken musste», sagt Kiry. Wer aber wissen will, woher etwa das Quellwasser für den Affenbrunnen kommt, wie das Leben auf dem Platz im Mittelalter ausgesehen hat oder was aus dem Solebad-Projekt der 70er-Jahre wurde, wird auf www.andreasplatz.ch fündig.

Eine grosse Familie

Heute lädt der verwunschene Ort inmitten der Basler Altstadt mit seinen Läden und Restaurants zum Verweilen ein. «Der Event ‹Em Bebbi sy Jazz› zum Beispiel zieht jedes Jahr viele Leute zum Andreasplatz», sagt Kiry. Dass der Platz für Fasnächtler einen Hotspot darstellt, erlebt die Schülerin jedes Jahr hautnah mit. Auch über den Wildpflanzenmarkt, der heuer sein 30-jähriges Bestehen feiert, hat Zoe Kiry so einiges herausgefunden. Ihr Fazit: Der Platz lebt. Er hat einen familiären Charakter und eine ganz eigene Dynamik.

Diese unterstreicht die Anwohnerin mit einer Anekdote: «Die Fussball-EM 2008 haben wir im Familienkreis draussen vor unserer Wohnung am Fernseher verfolgt und dabei gegrillt.» Am Ende habe die Szene aber eher einem Public Viewing geglichen, weil sich so viele Leute dazugesetzt hätten. So sei er halt, der Andreasplatz: «Ein kleines Dorf mitten in der Stadt.»

Autor

Chloé Oberholzer

Meistgesehen

Artboard 1