Es war nicht der erste Angriff auf die elsässische Lokalgesetzgebung und es wird sicherlich nicht der letzte bleiben. Vor einigen Tagen ist ein linker, nordfranzösischer Senator in der zweiten französischen Kammer mit 20 gegen 200 Stimmen deutlich damit gescheitert, die Trennung von Staat und Kirche in der Verfassung festzuschreiben und damit das Konkordat von 1801, das weiterhin in Elsass-Lothringen gilt, aufzuheben. 

Es schreibt vor, dass der Staat dort im Unterschied zum übrigen Frankreich die Gehälter von Priestern, Pastoren und Rabbinern zahlen muss. Ferner muss er für den religiösen Unterricht aufkommen und die Kommunen sind für den Unterhalt der Gebäude zuständig. Allein die Gehälter sollen den Staat 60 Millionen Euro im Jahr kosten. Napoleon habe den Staatskirchenvertrag mit dem Vatikan abgeschlossen, um den Kampf mit dem Katholizismus in seinem Sinne zu beenden, so Wikipedia. 

Es gibt eine Fülle von Sonderbestimmungen für Elsass-Lothringen, die im Lokalrecht festgeschrieben sind. Diese erklären sich aus der bewegten Geschichte der Region mit den häufigen Wechseln ihrer Nationalität zwischen Deutschland und Frankreich: Ab 1648 französisch, nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 deutsch, nach dem Ersten Weltkrieg 1918 wieder zu Frankreich und von 1940 bis zur endgültigen Befreiung im Zweiten Weltkrieg im Frühjahr 1945 von den Nazis de facto annektiert – da brummt einem der Kopf. 

Regelmässig gibt es Versuche, Bestimmungen des Lokalrechts abzuschaffen, die aber scheitern. In Strassburg existiert seit über 30 Jahren sogar ein öffentlich anerkanntes «Institut du Droit Local», das mit seinen Juristen über die lokale Gesetzgebung wacht, sie verteidigt und darüber publiziert. 

Das Konkordat führt auch dazu, dass Karfreitag, ein Zugeständnis an die Protestanten, und der zweite Weihnachtstag vom 26. Dezember in Elsass-Lothringen Feiertage sind, während im übrigen Frankreich dann ganz normal gearbeitet wird. Als diese Regelungen mit der Trennung von Staat und Kirche 1905 abgeschafft wurden, gehörte Elsass-Lothringen zum Deutschen Reich. 

Nach dem Ersten Weltkrieg erneut Teil Frankreichs, schaffte es aber, sich für die Feiertagsregelungen zu wehren. Ich habe das schon mehr als einmal vergessen und mich bei einem Osterbesuch in Paris oder Dijon über die offenen Läden und die Alltagsstimmung gewundert. 

Während der deutschen Zeit von 1871 bis 1918 sind eine Fülle von Gesetzen erlassen worden, die zum Teil auf der fortschrittlichen Sozialgesetzgebung von Bismarck beruhen und 1918 nicht wieder abgeschafft wurden. So übernimmt die Krankenkasse in Elsass-Lothringen höhere Anteile als im übrigen Frankreich, Sozialhilfe gibt es schon ab 16 Jahren statt ab 25 Jahren und die Lohnfortzahlung bei unverschuldeter Abwesenheit des Arbeitnehmers ist grosszügiger geregelt. Auch die Kündigungsfristen und- bestimmungen kommen vor allem dem Arbeitnehmer entgegen. 

Während in Paris und anderen französischen Städten am Sonntag die Supermärkte geöffnet haben, verbietet das Lokalrecht dies in Elsass-Lothringen – mit Ausnahme von vor Weihnachten. Die Detailhändler sollten den Gottesdienst besuchen, anstatt zu arbeiten, und die Konsumenten nicht einkaufen, fanden die deutschen Machthaber damals.