Hält seine Stimme noch – oder ist sie verschlissen? Das war eine der Fragen, die man sich vor dem Heimspiel von Zeal & Ardor stellte. Schliesslich ist viel passiert, seit Manuel Gagneux sein musikalisches Cross-over-Projekt vor eineinhalb Jahren hier in der Kaserne erstmals live präsentierte: Tourneen in Nordamerika und Europa, dazwischen eingeschoben eine zweite Albumproduktion und -veröffentlichung.

Auf die Clubshows folgten Festivals und mittlerweile nun die Säle, wie die Reithalle, die am Samstag beinahe ausverkauft war. Mehr als 1000 Leute, alters- und geschlechtermässig sehr durchmischt, feierten die Rückkehr dieser Band, die derzeit zu den grössten Exportschlagern der Schweizer Musikszene gehört.

Vom Tourbus wieder in die Heimatstadt

Die vergangenen Monate verbrachte die Band also mehrheitlich im Tourbus, um ihre eigentümliche Mischung aus nordischem Black Metal und afroamerikanischem Leidensgesang unter die Leute zu bringen. Und das mit vollem Körpereinsatz. Er sei immer heiser nach den Konzerten, erzählte Gagneux schon vor einem Jahr und dachte darüber nach, zur Schonung mal Gesangsstunden zu nehmen. «Dagegen spricht aber, dass es die Leute mitreisst, wenn sie hören, dass da was kaputtgeht.»

Machen sich allmählich Abnützungserscheinungen bemerkbar? Denkste! Gagneux’ Stimme hält noch immer das ein, was sie auf den Platten verspricht: Mitreissenden Gospel und rauen Blues, alternierend dazu durchdringende Metal-Schreie. Dabei wechselt er zwischen zwei Mikrofonen, um in den Fortepassagen die Stimme zu verzerren. Flankiert wird er von den Sängern Mark Obrist und Denis Wagner, die ihn ergänzen und unterstützen.

Überhaupt ist dieses Sextett glänzend eingespielt und vollkommen tight. Mit maschineller Präzision bringen Zeal & Ardor ihre Songs auf den Punkt, verzichten auf ausufernde Soli und auch auf grosse Reden. Sie setzen im Grunde auf ein kompaktes Popformat: Strophe, Refrain, manchmal Bridge, drei Minuten Reduktion aufs Maximum. Dabei changieren die Lieder meist zwischen beseelten, klagenden Gospelstrophen und den Ausbrüchen in krachenden Refrains, so wie etwa in «Servants».

Ein tadelloses Konzert

Noch vor dem Konzert postete Bassistin Mia Rafaela Dieu auf Facebook, dass sie ausgerechnet vor dem Heimspiel die Grippe eingefangen habe. Das ist ihr nicht anzumerken. Sie liefert wie ihre männlichen Kollegen ein tadelloses Konzert, shreddert auch in Hochgeschwindigkeits-Passagen passgenau zur Double-Bass des Schlagzeugers Marco von Allmen, mal in Sechzehnteln, mal in Sextolen, ergänzt durch die Leadgitarre von Tiziano Volante.

Die Professionalität ist beeindruckend und sie offenbart sich auch im Gespür für die Dramaturgie. Denn just als sich die Song-Schemata wiederholen und das Konzert an Spannung einzubüssen droht, schlagen Zeal & Ardor einen Richtungswechsel ein, indem sie etwa den Blues in den Vordergrund rücken, im grandiosen, im 6/8-Takt mitreissenden «Gravedigger’s Chant». Oder mit der hymnisch anmutenden Ballade «Built on Ashes».
Fazit: Waren Zeal & Ardor 2017 noch ein grosses Versprechen, so sind sie mittlerweile eine grosse Band.