Steinenvorstadt

Das erste Wochenende nach dem Lockdown: Partyähnliche Zustände – die Polizei ist machtlos

Die Gastronomen hatten sich ausgeklügelte Sicherheitskonzepte ausgedacht. Der Nutzen blieb angesichts der Partyexzesse vom Samstagabend in der Steinen gering. Das Protokoll der ersten Samstagnacht seit dem Ende des Lockdowns in Basel.

Sie blinzelt in die Sonne und nimmt einen Schluck von seinem Drink. «Zwei Monate sind vergangen», sagt Etienne und blickt zu Boden. Zwei Monate des Ausnahmezustandes, in denen der Mitarbeiter des Basler Kinderspitals seine Freundin mit französischem Wohnsitz nicht besuchen konnte. Auf der Terrasse des Restaurants Voltabräu machen die beiden erste vorsichtige Schritte in eine neue Normalität. Dezente Hinweisschilder suggerieren die Solidarität zwischen den Gästen.

«Unsere Klientel verhält sich sehr verständnisvoll», sagt der Betriebsleiter, der nach zwei Monaten im Lockdown mit einem neuen Mittagskonzept eröffnen konnte, zuversichtlich. Die Anspannung vor der Wiedereröffnung am Montag sei gross gewesen und raubte einem seiner Mitarbeiter sogar den Schlaf. Umsatzeinbussen seien eine gefürchtete und dennoch, die Öffnung des Lokals sei «ein wichtiges Zeichen», betont er.

Das Gastronomie-Personal ist unter Druck

Eine Dreiergruppe unterhält sich angeregt. Das erste Bier draussen zu trinken, sei schon etwas Besonderes. Auch wenn sich vieles noch ungewohnt anfühle, meint der junge Mann, dessen Kollege aus Zürich für das Wiedersehen angereist ist. An der Klybeckstrasse herrscht unbeschwertes Treiben. Vor der Pizzeria Vito bildet sich eine meterlange Schlange und im Inneren werden die Gäste mit durchsichtigen Vorhängen voneinander abgeschirmt. Die Auflagen des Bundes stellen die Betriebe vor grosse Herausforderungen.

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Bei der Bestimmung der Richtlinien sei wohl kein Gastronom anwesend gewesen, mutmassen die Betreiber der Sommerbar, die sich über die unzähligen Sonnenanbeter freuen. Auf der Terrasse der KaBar profitieren die Betreiber von idealen Platzverhältnissen und kommen ohne Trennwände aus. «Gestern Abend war richtig viel los», erzählt uns Barchef Timon Hölzel. Der Abstand zwischen den Tischen sei mit Bodenmarkierungen gesichert. Ermahnen müsse man die Gäste nur selten, betont Hölzel. Der Druck, die Bestimmungen einzuhalten, laste jedoch schwer, berichtet das Personal. Eine Busse wolle niemand riskieren. Man sei auf die Mitarbeit der Gäste angewiesen, betonen sie. Eine Fünfergruppe setzt sich Vorschriften-konform auseinander und stösst aus der Ferne an.

Tiefe Hemmschwelle in der Steinenvorstadt

Zu späterer Stunde aber vergessen sich einige. Auf den Barhockern vor der Bar zem alte Schluuch lehnen sich heftig artikulierende Gäste nahe an die Tischnachbarn. Und in der Steinen wird es gegen halb zehn zu einer Kunst, Abstand zu halten. «Wir leben wieder», sagt Vanessa, die sich das erste Mal seit der Öffnung euphorisch dem Ausgang widmet. Und der junge Mann, mit dem sie erst heute Bekanntschaft gemacht hat, nickt: «Herrlich», sagt er.

In der Küchlin Bar tragen die Kellner Mundschutz und Handschuhe. «Wie im Film», schaudert eine von vier 18-jährigen Freundinnen und erzählt, sie vermisse das Tanzen im Club. Der Bancomat in der Kinostrasse läuft auf Hochtouren. Die zwei Fricktalerinnen, die wir beim ersten Cappuccino treffen, sind über das schwindende Social Distancing unter den Ausgehenden besorgt. Zu später Stunde kommt es tatsächlich zu partyähnlichen Zuständen: Mehrere hundert Menschen drängen sich durch die Barmeile, stossen an und umarmen sich.

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Die Polizei ist machtlos: «Wir können bestätigen, dass es gestern in Basel an wenigen Brennpunkten alleine aufgrund der Anzahl Personen auf der Strasse kaum mehr möglich war, den nach wie vor einzuhaltenden Mindestabstand zu wahren», sagte Polizeisprecher Toprak Yerguz auf Anfrage. So sei es gehäuft zu Handgreiflichkeiten gekommen. Die Polizei aber muss sich auch Kritik gefallen lassen – etwa darüber, dass sie eine kleine Demonstration aufgelöst hat, aber sich nicht ins Gedränge in der Partymeile wagte.

Die Kellner fühlen sich als verlängerter Arm der Polizei

Nicht überall gehen die Wogen hoch: Vor dem «Paragraph» etwa sitzt eine Handvoll Gäste hinter improvisierten Paravents bei Kerzenschein. «Die Gäste freuen sich über die Öffnung», betont der Inhaber Vittorio Morelli. Die erste Woche nach der Wiederöffnung sei nicht rentabel gewesen. Besonders die Polizeistunde mache ihm zu schaffen – von den beiden Stunden nach Mitternacht profitiere der Umsatz enorm. Stammgast und Gastronom Alar sei im Gegenteil froh über die Regelung – die Hemmschwelle sinke mit steigendem Alkoholkonsum.

Von gemischten Gefühlen berichtet seine Begleitung. Nach wie vor sei es ungewohnt, sich von seinen Mitmenschen zu distanzieren, sagt Céline. «Den Bekannten vom Nachbartisch zu umarmen oder die Stühle zusammenzurücken ist nicht möglich», sagt die Studentin. Bei der Cargo Bar am Rheinweg sind kurz vor zehn alle Tische belegt. Man blicke auf einen heftigen Freitag zurück, berichtet uns das Personal, das sich oft wie eine Tischpolizei vorkomme. Die Polizei habe viel patrouilliert. Diese liess keine Zweifel offen, dass sie nicht lockerlassen will – besonders nach den Partyexzessen in der Steinenvorstadt. «Eine temporäre Absperrung einzelner Brennpunkte wird geprüft», sagt Yerguz.

Mitarbeit: Leif Simonsen

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