Eine Gewährsfrau, nennen wir sie Christine Hauser, hat 1967 bei der Ciba eine Stelle als Fremdsprachensekretärin angenommen. Dann wurde sie schwanger. Der Geburtstermin war Anfang Januar. «Damals hat es geheissen, vier Wochen vorher und vier Wochen nachher gibt es frei», berichtet sie. «Die vier Wochen vorher habe ich nicht nehmen können, weil der Chef gesagt hat, über Weihnachten kann er niemandem frei geben. Natürlich gab es trotzdem solche, die freinehmen konnten, aber das waren Frauen, die schon länger dabei waren.»

Kinderzulage, aber keine Familienzulage

Nach der Geburt konnte Christine Hauser erst im März wieder arbeiten gehen, da sie wegen eines Infekts im Spital gewesen war. Erst dann habe sie die Kinderzulage eingefordert. «Das gab dann ein Riesentheater. Eine Kinderzulage bekam nur der Mann.» Ihr eigener Mann war aber Student und hatte kein Einkommen. «Dann habe ich aber gekämpft und habe irgendein Mal Kinderzulage bekommen, ab April.» Also nicht rückwirkend auf den Geburtstermin. Und Familienzulage gab es keine, obwohl sie eine Familie zu versorgen hatte.

Damals gab es noch wenige staatliche Krippen und die waren total überfüllt. «Zum Glück haben wir dann Schwester Maria gefunden, die hatte alles vom Buschi bis zum Siebenjährigen, und sie hat die Kinder angehalten, einander zu helfen, wie in einer Grossfamilie. Ich bin dann immer am späteren Vormittag und frühen Nachmittag stillen gegangen, anstatt in die Mittagspause.»

Als der Sohn einige Jahre alt war, hat Christine Hauser mit anderen eine eigene Krippe aufgemacht nach dem Vorbild der um 1968 aufgekommenen deutschen Kinderläden. «Die Betreuung war fest, eine Kindergärtnerin und eine Köchin, und alles andere haben die Mütter und Väter selber gemacht, betreuen, halbtags oder stundenweise. Ich bin am Samstag putzen gegangen», lacht sie.

1970 fusionierten Geigy und Ciba, und Hauser kam ins Werk Rosental. Dort, in der Mattenstrasse, stellte die Geigy zehn Plätze in einer GGG-Krippe zur Verfügung. Die Krippenleiterin hatte dann die Idee, für die Ciba-Geigy eine neue Krippe aufzumachen gegenüber des Badischen Bahnhofs, für alle Altersklassen bis sieben Jahre. Sie rechnete das Konzept durch und reichte den Antrag mit sechs bis sieben Müttern zusammen ein. Das Essen hätte aus der Kantine bezogen werden können.

Besprechung wegen ein paar «Goofen»

Aber der Antrag wurde abgelehnt, ohne je in einer Sitzung erwähnt worden zu sein. Eine der Frauen, die im Verwaltungsgebäude arbeitete, wusste das von ihrem Chef. «Dann haben wir beschlossen», erinnert sich Christine Hauser, «dass wir mit unseren Kindern vor das Verwaltungsgebäude bei der Dreirosenbrücke gehen und fragen, wo wir denn hinsollen mit ihnen. Die kommen nach den Frühlingsferien in die Schule.»

Danach sei der Chef der Frau, welche über die Sitzung berichtet hatte, gekommen und habe gesagt, er würde das in der nächsten Sitzung als Traktandum bringen und es würde eine Lösung gesucht. Anscheinend hatte die Sekretärin, welche für die Traktandierung zuständig war, von sich aus entschieden, wegen ein paar «Goofen» müssten die Herren da oben nichts besprechen. «Das war eine ganz tragische Geschichte», erinnert sich Hauser weiter.

Der Divisionsleiter Pharma, Gaudenz Staehelin, ging eines Abends mit seiner Frau aus. Die Kinder liessen sie allein zu Hause, was damals nicht ungewöhnlich war. Da brach wegen einer defekten Lampe ein Brand aus und die Kinder starben. Diese schlimme Geschichte warf ein Licht auf die Betreuungssituation der Kinder. «Also der Staehelin war ein feiner Typ», berichtet Christine Hauser. «Er hat gefunden, die Frauen haben viel zu wenig Rechte. Er hat dann angefangen, Foren zu machen, wo man hingehen und sagen konnte, was einen stört. Er hat Frauengruppen bilden lassen in der Division Pharma zu verschiedenen Themen. Ich hätte eine Gruppe übernehmen sollen - berufstätige Mütter.» Eine solche Initiative war für die damalige Schweiz neu. Entsprechend waren auch nicht alle Vorgesetzten begeistert.

Den Kinderkrippen folgten weitere Initiativen zur Besserstellung von Frauen und Familien. 1975 forderte eine Arbeitsgruppe von sechs Mitarbeiterinnen «Gleiche berufliche Entwicklungsmöglichkeiten für alle Ciba-Geigy Angestellten». Seit 1978 gibt es im kaufmännischen Bereich Lohngleichheit für Männer und Frauen und 1979 erklärte die Konzernleitung, mehr Frauen im Kader aufzunehmen. Bis Frauen in den Verwaltungsrat aufsteigen konnten, dauerte es allerdings noch lange.

* Nicholas Schaffner, Dr. phil, Jahrgang 1960, Basel, Kulturanthropologe, Geschäftsleiter Schindler Sozialdienste und Wissenschaftlicher Leiter Verein für Industrie- und Migrationsgeschichte der Region Basel, politische Anthropologie, Jugendkulturforschung, Industriegeschichte. Die «Basler Geschichte(n)» sind nachlesbar unter: