Verkehrte Welt. André Auderset steht vor dem Rathaus und kommt nicht rein. Das Tor ist abgeschlossen, der LDP-Grossrat muss warten, bis ihm jemand aufschliesst.
Ausserdem ist er in Zivil, kein Kostüm, keine Larve, und das bei einem, der die Fasnacht verkörpert. Er will das Ereignis fotografisch festhalten und auf der Website fasnacht.ch darüber berichten. Das ist wichtiger, als Teil der Premiere zu sein.

Unterwegs mit dem Schyssdräggziigli der Grossräte

Unterwegs mit dem Schyssdräggziigli der Grossräte

Erstmals überhaupt versammeln sich Grossräte und -innen im Hof des Rathauses, um als Parlamentarier-Schyssdräggziigli um die Häuser zu ziehen. Die zwanzig Nasen haben sich von ihren Cliquen und Zyschtigsziigli abgeseilt, um als «d Schwätzer» zu zeigen, was sie drauf haben.

Für manche ist es die erste aktive Fasnacht. Joël Thüring wirkt nicht, als stecke er zum ersten Mal in einem Kostüm. Der Grossratspräsident (SVP) macht sich gut als Lai, obwohl: «Es wurde kritisiert, dass ich keinen Schwanz habe», sagt er und zeigt auf das Hinterteil seines Kostüms.

Grosse Brüste und kleiner Baum

Otto Schmid (SP) hat andere Sorgen. Seine Brüste sind so gross, dass er ständig irgendwo aabutscht. Ist halt ungewohnt für einen wie ihn, als Dame unterwegs zu sein. Für Parteikollegin Dominique König-Lüdin hingegen ist es längst Routine, «Partnerschaftstante» zu sein. «So oft haben wir schon darüber abgestimmt», sagt sie im Basler- und Rotstab-Gewand.

Zugchefin Katja Christ (Grünliberale) ist derweil damit beschäftigt, den wilden Haufen zu zähmen. Denn bald geht es los und jeder muss an seinem Platz stehen. So auch der Oleander-Baum, den Christ auf einem kleinen Waage mitzieht.

Und dann, der Schreck: Diesmal geht das Tor von innen nicht auf. So ein Mist aber auch! Zum Glück läuft Parlamentsdienstchef Thomas Dähler mit. Er weiss zwar nicht, was es mit Katja Christs Bäumchen auf sich hat, trägt aber wenigstens den Rathausschlüssel auf sich. Abmarsch! Auf der Strasse dann sind sie plötzlich ganz normale Fasnächtler. Wer war noch gleich der Blätzlibajass? Und der goldene Waggis? Der Pierrot? Egal.

Kreative Zugchefin

«Wir wollen uns nicht als Politiker profilieren, sondern bloss ein paar glatte Stunden zusammen verbringen», sagt Organisator Christophe Haller (FDP), der sonst bei den Revoluzzern pfeift und bemerkt: «Das Tempo hier ist schneller, das bin ich mir gar nicht gewohnt.» Doch er hält sich wacker. Überhaupt klingt die Truppe gut, jedenfalls ist sie für die Passiven beliebtes Fotosujet. Und diese wissen vom Marktplatz bis zum ersten Halt nicht, wen sie da vor der Linse haben.

Am Münsterplatz gibts eine Pause - und die Gruppe erfährt, dass die Zeedel am Bäumchen Paragrafen sind und der Baum selber entsprechend ein Paragrafen-Baum darstellt. Auch die Stäggeladäärnen mit dem Baslerstab hat Christ selber gemacht. Wie im Ratsbetrieb hat auch hier jeder seine Funktion. Und sei es auch nur, das Geschehen zu fotografieren.

Beatrice Isler (CVP) hält jeden Augenblick fest, bedauert gleichzeitig, das Kostüm nicht angezogen zu haben. Ihr Mann hat Geburtstag und sie trifft ihn gleich, sonst wäre sie kostümiert gekommen.

Grossräte nehmen Regierung hoch

Der zweite Halt in einem Keller am Gemsberg ist auch der zweitletzte, bevor sich die Gruppe nach einem Apéro im Schiesser trennt. Der Tenor von ganz links (Daniel Spirgi, Basta) bis ganz rechts (Thüring) ist klar: Das war nicht das letzte Mal, dass «d Schwätzer» die Stadt rocken.

Die Gefahr, wegen der Kostüme kritisiert zu werden, besteht ja nicht. Da geht es der Regierung anders: «Wenn me d Fotti aaluegt vom neye Regierigsroot het fascht niemerts en Aaaleegi wo ihm au stoht!», heisst es auf dem «d Schwätzer»-Zeedel. Na also, geht doch! Politisieren ist eben, wenn man trotzdem lacht.