Manchmal erdrückte sie ihn schier, die Einsamkeit. Hoch oben auf dem Chavalard, dem Berg, der über dem Weindorf Fully thront. Dann sass er aufs Töffli und bretterte in Richtung Leben. Vorbei an steilsten Terrassenhängen, an abertausenden Reben. Mit röhrendem Auspuff durch Fully, schnurstracks nach Sion, in eine Pizzeria. Karim Frick aus Binningen, 16 Jahre alt, suchte Gesellschaft. Und fand seine Zukunft.

Ein Jahr lang sollte der Junge im Wallis sein Französisch aufbessern. Der Vater organisierte Arbeit bei einem Weinbauern. «Ich krüppelte den ganzen Tag, und ich war verdammt allein. So lernt man doch kein Französisch.» In der Pizzeria bei seinen neuen Freunden konnte er die Sprache im Nu, «der Betrieb im Restaurant gefiel mir irrsinnig». Karim heuerte als Tellerwäscher an, wechselte kurz darauf in den Service. Als er nach einem Jahr nach Basel zurückkehrte, wusste er: «Gastronomie ist das, was ich machen möchte.»

Karim Frick, 57 Jahre alt, sitzt im Restaurant Fischerstube vor einem Glas Flauder. Expats prosten sich mit Ueli Bier zu, am Stammtisch sitzen Leute aus dem Quartier, trinken mit verschwommenem Blick aus ihrem Fischerkrug. Daneben eine Dame, die ganz still eine Portion Läberli mit Rösti geniesst. Die Fischerstube ist nicht nur bekannt wegen ihres Biers. Hier isst man vorzüglich.
Die Wunschkandidaten

Vor zehn Jahren war das noch anders. Damals suchte die Brauerei einen neuen Pächter fürs Restaurant, das eigentlich gar kein Restaurant war, sondern eine verlebte Bierhöhle. Die Wunschkandidaten von Geschäftsführerin Anita Treml waren die Brüder Anwar und Karim Frick. Sie wusste: Der Anwar kann sehr gut kochen, der kommt mit seinem Catering-Betrieb bei den Baslern bestens an. Und der Karim, Absolvent der Hotelfachschule in Lausanne, weit gereist, reich an Erfahrung, versteht etwas von Zahlen.

Anwar und Karim – die Namen gab ihnen die englisch-pakistanische Mutter – zierten sich, gingen nur aus Höflichkeit auf die Einladung Tremls zum Gespräch ein. Nach dem Versprechen, dass Räume und Küche renoviert werden, kam es doch zum Handschlag. «Es war im Mai 2008, wir sassen am Stammtisch, hatten soeben eine Bierbeiz übernommen – und tranken beide Tee. Wir beschlossen, dass das nie jemand erfahren darf», sagt Karim, zupft verlegen am Bändel seiner Fleecejacke. Er trinke nur selten Alkohol. Wenn er arbeite sowieso nicht. Zuhause in Therwil, ja, da schenke er sich hin und wieder ein Glas Wein ein. «Aber nur wenig. In Sion hatte ich es mal übertrieben, seither bin ich ein gebranntes Kind.»

Die Nüchternheit der Fricks tat der

Fischerstube gut. Unter ihnen wurde die Klientel heterogener. Weniger Raucher und Trinker, mehr Mamis, Expats und Hipster. Der Bierumsatz ging jedoch von 80 auf 50 Prozent zurück. Für die Geschäftsleitung der Brauerei kein Problem, beteuert Karim. «Dafür gehört die Fischerstube zum festen Bestandteil der guten Beizen Basels.» Eine mit familiärem Ruf, wo der Wirt noch persönlich dafür sorgt, dass es allen gut geht. Auch mal nachschöpft, wenn ein Gast nicht satt ist. Ohne Aufpreis.

Der Wirt, das ist Karim. Er ist das Gesicht der Fischerstube. Anwar drückte dem Ort an der Rheingasse zu den Anfängen zwar seinen kulinarischen Stempel auf, aber als die Köche seinen Dreh raus hatten, zog es ihn weiter. «So ist der Anwar eben, und das ist gut so. Er ist der Wilde von uns beiden, muss sich bewegen können, frei sein. Ich bin da braver und beständiger», sagt Karim. Vor wenigen Jahren stiess Sylvia Murri als Teilhaberin dazu. Jetzt schmeisst sie den Betrieb im Hintergrund und wirtet tagsüber, während Karim abends da ist, nachdem er bereits den ganzen Tag für seine Firma unterwegs war, die Bedarfsmaterial für Arztpraxen vertreibt.

Karim, er krüppelt auch heute noch den ganzen Tag. «Ich kenne nichts anderes. Jobs mit geregelten Arbeitszeiten machen mir Mühe. Ich muss in der Sache aufgehen können, dafür leben.» Diese Leidenschaft überträgt er auf seine Angestellten in der Fischerstube, im Service sind es meist Studentinnen. Das Arbeitsklima gilt als eines der besten der Stadt. «Karim ist strikt und streng, aber auch sehr einfühlsam. Er fand immer motivierende Worte. Er gehört zu den besten Chefs, die ich hatte, auch, weil er alle gleich behandelt und das Trinkgeld fair aufteilt», sagt eine ehemalige Service-Angestellte. Ja, er habe ein grosses Herz.

Die grosse Liebe in Afrika

Dieses Herz verschenkte Karim im Jahr 1988, im zentralafrikanischen Libreville. Er verdiente sich im Hotel Intercontinental die Sporen ab, als ihm während eines Seminars eine Ingenieurin aus Kamerun begegnete. Die grosse Liebe, die ihm, als es ihn zurück in die Schweiz zog, folgte. Heute haben die beiden zwei erwachsene Kinder.

Bald wird Karim mehr Zeit für seine Frau haben. Ende Jahr läuft der Pachtvertrag mit der Brauerei aus. «Wir wollen nicht mehr verlängern. Man soll dann aufhören, wenn es am schönsten ist.» In seiner Stimme ist Widerwillen zu hören. «Mein Herz blutet, ja. Ich werde die Lebendigkeit vermissen.» Hin- und hergerissen ist er. Denn er freut sich auch darauf, Verantwortung abgeben zu können. «Ich spüre die langen Tage. Heute brauche ich länger, um mich zu erholen.» Den Druck, der auf ihm laste, könne er nicht mehr so gut wegstecken: «Egal, wie gut der Laden läuft, die Angst vor dem Scheitern, dem Unvorhergesehenen, ist stets da. Das ist eine Wirtekrankheit.»

Das Rauchverbot sei so ein Beispiel. «Im ersten Monat nach dessen Einführung hatten wir einen zünftigen Umsatztaucher», erinnert sich Karim. Das habe sich zum Glück schnell normalisiert. Aber von nichts komme nichts: «Du musst ständig ins Marketing investieren.

Warum, denkst Du, kommen so viele Touris hierhin?» Das Beizerleben verlaufe nicht wie ein schnurgerader, geteerter Weg. «Eher holprig.» So konnte die Fischerstube vom Trubel in der Rheingasse wider Erwarten nicht profitieren. Versuche, das Zwischenstück zu beleben, eine Verbindung zum vorderen Teil zu schaffen, scheiterten wegen Einsprachen. «Nein, ich verspüre keinen Groll gegen die Anwohner. Die haben ja auch ihre Bedürfnisse.» Könnte sich Karim denn vorstellen, in der Rheingasse zu leben? «Sofort. Das bisschen Lärm. Das ist doch Leben.»

Sein Nachfolger ist noch nicht bestimmt. «Es gibt einige Bewerber, aber Interessenten können sich immer noch melden.» Erst im Mai solle der Entscheid fallen, so Karim. Er werde nach seinem Abgang sicher ab und an in der Fischerstube einkehren. «Aber nicht sofort. Ich brauche Zeit, um mich an die neue Situation zu gewöhnen.»

Karim Frick weiss noch nicht so recht, was er dann mit sich anfangen soll. Er schliesst nicht aus, «punktuell» bei gastronomischen Projekten mitzuwirken. «Und ein bisschen reisen werde ich sicher.» Er kennt überall auf der Welt Leute, ehemalige Studenten von ihm, als er in den 1990er-Jahren die Hotelfachschule in Neuenburg geleitet hatte. Zu lange weg wolle er aber nicht bleiben. «Ausflüge in der Region liegen mir mehr.» Dann sitzt er auf seine Harley. Und brettert einem neuen Leben, der Zukunft entgegen.