Fussball
Das grosse Gedränge beim FC Basel – sogar Stars nicht vor Tribüne gefeit

Beim FCB droht Frust. Sogar WM-Teilnehmer müssen sich vor dem Gang auf die Tribüne fürchten. Trainer Sousa spielt gegen aussen Kommunist. «Alle sind gleich!», behauptet er.

Etienne Wuillemin, Basel
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Der Blick ins Ungewisse. Beim FC Basel müssen die Spieler sogar um einen Platz auf der Ersatzbank kämpfen.

Der Blick ins Ungewisse. Beim FC Basel müssen die Spieler sogar um einen Platz auf der Ersatzbank kämpfen.

Keystone

Paulo Sousa ist ein cleverer Mann. Als der 43-jährige Portugiese nach Basel kam, wusste er genau, warum sein Vorgänger Murat Yakin trotz Meistertitel nicht mehr Trainer war. Also sagte er: «Ich will nicht nur siegen. Ich will die Siege fühlen.» Sousa versprach also Erfolg und Spektakel zugleich. Man darf das logisch oder mutig nennen, je nach Blickwinkel.

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Drei Spiele sind gespielt. Drei Mal gewann der FC Basel. Aber wie? Waren das Siege, in die sich die Zuschauer verlieben? Spiele, die jeder Fan jedes Wochenende sehen möchte? Paulo Sousa lacht, als er die Frage hört, dann sagt er: «Ich liebe es, zu gewinnen.» Kunstpause. «Ich liebe es, gut zu gewinnen!»

«Gut gewinnen» also, noch nicht «schön gewinnen», lautet die Devise zu Saisonbeginn. Denn eines ist Sousa klar: «In diesem Klub herrscht eine Kultur des Gewinnens. In einer ersten Phase geht es mir darum, allen neuen Spielern diese Kultur sofort einzutrichtern.»

Aber wie waren sie nun, die Siege? Ganz ohne Nachfrage lassen wir Sousa nicht davonkommen. Er lächelt wieder. «Alle Siege sind schön», sagt er. Aber eigentlich weiss er genau: Überzeugt im Sinne des FCB-Selbstverständnisses hat sein Team nur einmal, beim 3:0 gegen Luzern. Und sonst? Gegen Aarau und Thun, gegen Leichtgewichte dieser Liga? Würg, ächz, krächz – Hauptsache drei Punkte. Das ist immerhin besser als auch schon zu Saisonbeginn. Die schönen Siege, die sollen dann später kommen. Den Weg dazu beschreibt Sousa als Prozess. Und fügt dann, leicht philosophisch, an: «Dieser Prozess hat einen Anfang – aber kein Ende.»

Die erste Bewährung

Man darf es ruhig so spitz formulieren: Eigentlich beginnt die FCB-Saison heute. Im Spitzenspiel gegen den ebenfalls verlustpunktlosen FC Zürich. Gegen ein eingespieltes Team. «68 Spiele unter dem gleichen Trainer», rechnet Sousa jetzt vor, und blickt vom Podest herab als müsste er ganz der Rolle des strengen Lehrers genügen, 68 FCZ-Spiele unter Urs Meier also, «das verspricht grosse Stabilität, sie kennen einander und hatten kaum Wechsel.» Wobei Sousa in diesem Punkt natürlich flunkert. Das Herz der Mannschaft, das defensive Mittelfeld, ist nur beim FCB unverändert, beim FCZ dagegen komplett neu.

Sousa spricht bedeutend lieber über den Gegner als über seine Spieler. Dabei gäbe es vieles zu besprechen. Die grosse Anzahl Akteure im Team beispielsweise. 29 Spieler kämpfen bei Rot-Blau um einen Platz in der Startformation – und teilweise sogar um einen Platz auf der Ersatzbank!

Die Wahrheit muss noch warten

Nun ist ein grosses Kader allein noch kein Grund für Aufregung oder eine Polemik. Aber es geht um die Qualität. Und da wird schnell klar (siehe Grafik), der FCB hat mindestens 22 Spieler mit dem Anspruch auf einen Stammplatz. Also zwei Equipen. Doch im Gegensatz zu früher ist der FCB diese Saison direkt für die Champions League qualifiziert. Bis zur Winterpause bestreitet er also europäisch nur sechs Spiele.

Am ehesten zum Vorteil gereichen könnte ein so breit- und hochkarätig besetztes Kader im Falle eines Überwinterns in der Europa League (also nach einem dritten Gruppenrang in der Champions League). Letzte Saison litt der FCB mit jeder europäischen Runde mehr. Ein Weiterkommen im Europa-LeagueViertelfinal gegen Valencia hätte gar ein Pyrrhussieg sein können. Sousa sagt zu diesem Thema: «Manche sehen in einem grossen Kader Probleme. Ich sehe Möglichkeiten.» Und dann sagt er, nicht zum ersten Mal: «Alle Spieler sind gleich. Alter? Status? Das ist mir alles egal. Es gibt für mich nur Spieler und Leistung.» Paulo Sousa, der Kommunist – zumindest gegen aussen.
Natürlich entspricht das nicht der Wahrheit. Jeder Trainer hat «seine» Stammelf im Kopf. Auch Sousa.

Aber so richtig sehen wird man diese Elf wahrscheinlich erst im ersten Champions-League-Spiel (16./17. September). Bis dahin wird Sousa fleissig rotieren. Sowieso, noch ist die Saison jung, «zu jung, um ein Spiel gegen den FCZ ‹Schlüsselspiel› zu nennen», findet der Trainer. Er sieht den Vergleich eher als Gelegenheit, zu zeigen, wie reif sein Team schon ist.

Der – überraschende – Gewinner der bisherigen Saison in Rot-Blau heisst Taulant Xhaka. Nur Goalie Vaclik, Verteidiger Suchy und er haben in allen drei Partien durchgespielt. Xhaka als Dirigent in oder vor der Abwehr, auf einer Position also, auf der sowieso schon ein Überangebot herrscht. Nur muss das nicht viel bedeuten. Xhaka sagt: «Ich geniesse das Vertrauen des Trainers. Ich liebe meine zentrale Rolle. Jeder Spieler hat gerne viel den Ball – da spürt man nie Müdigkeit.» Aber: «Auch ich werde Spiele auf der Bank erleben – vielleicht sogar einmal von der Tribüne», sagt Xhaka. Gegen den FCZ könnte ein erstes solches Spiel kommen.
Wer spielt, das ist für Sousa derzeit sowieso Nebensache. Er will nur eines: Endlich einen Sieg so richtig fühlen.