Gesundheit
Das Herbizid Glyphosat: Ein Pflanzengift, das aus dem Hahnen fliesst

Eine europaweite Studie zeigt, dass der Mensch das hormonaktive Herbizid Glyphosat im Urin hat. Eine permanente Aufnahme wirkt sich negativ auf das Hormonsystem aus. Behörden wissen noch nicht, wie sich die Rückstände im Trinkwasser auswirken.

Joël Hoffmann
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Untersuchung von Trinkwasser im Labor
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Untersuchung von Trinkwasser im Labor

iwb.ch

Studien über Chemie-Rückstände im Wasser sind komplex, umstritten und vor allem eines: alarmistisch. Neustes Beispiel ist eine europaweite Studie an der auch Pro Natura beteiligt war. Haben Sie es im Urin? Der Studie zu Folge ja. Und zwar das hormonaktive Herbizid Glyphosat. Auch in Schweizer Urin wurde dieses Gift nachgewiesen.

Das Gift tötet, so Pro Natura, alles ausser glyphosat-resistente Nutzpflanzen. Zur Anwendung kommt es in der Landwirtschaft, entlang von Schienen und in privaten Gärten. Pro Natura zur Folge hätte eine permanente, niedrig dosierte Glyphosat-Aufnahme negativen Einfluss auf das menschliche Hormonsystem.

Dunkle Flecken in der Forschung

Auch die Behörden aus Stadt und Land sagen: Man wisse noch nicht, wie genau sich hormonaktive Rückstände im Trinkwasser längerfristig auf den Körper auswirken. «Die Analytik der hormonbasierten Rückstände ist seit 2011 etabliert, tägliche Messungen werden jedoch erst seit 2012 durchgeführt», sagt Paul Svoboda, Leiter Gewässerschutz beim Basler Amt für Umwelt und Energie (AUE BS).

Das AUE BS sei zur Zeit das einzige Labor, welches diese Parameter täglich untersucht. Entsprechend gebe es «noch zu wenige Daten für eine abschliessende Risikoanalyse».

Svoboda und der Baselbieter Kantonschemiker Peter Wenk versichern dennoch, dass das Trinkwasser sicher sei. Denn kein Lebensmittel werde derart intensiv analysiert wie das Trinkwasser.

Das Baselbieter Kantonslabor prüft jährlich die Wasserfassungen, also die Trinkwasserbrunnen der Gemeinden, sowie die Oberflächengewässer und das Grundwasser. Für die Fassungen fürs Trinkwasser gelten sogenannte Schutzzonen. So ist dort der Einsatz von Pestiziden verboten.

Verunreinigungen des Trinkwassers kommen dennoch immer wieder vor. Die kantonalen Chemiker arbeiten bei ihren Analysen mit drei Werten: Grenzwert, Toleranzwert und einem Richtwert.

Wenn ein nachgewiesener Stoff den Grenzwert übersteigt, dann darf das Wasser nicht mehr getrunken werden. Das Problem für die Chemiker ist, dass für viele Substanzen gar keine Grenz- oder Toleranzwerte vorliegen.

Dafür besteht der sogenannte Richtwert 100 Nanogramm pro Liter. Das wäre etwa die Menge eines Würfelzuckers im Bodensee. Oder: Wenn man einen Liter Wasser auf 1000 Kilometer verteilen würde, wäre ein Millimeter davon ein Nanogramm. «Was unter diesem Wert ist, ist, mit wenigen Ausnahmen, unproblematisch», sagt Wenk.

Der Rhein wird täglich kontrolliert

In Basel führen die Industriellen Werke Basel (IWB) selber Kontrollen durch. Die Trinkwasseranalysen zeigen, so IWB-Sprecher Erik Rummer, dass nachgewiesene Rückstände nie den Richtwert überschritten hätten.

«Wären Rückstände von Aspirin in einer Konzentration von 100 Nanogramm im Trinkwasser, so müsste ein Konsument 7000 Jahre lang täglich 2 Liter Wasser trinken, um die Menge einer einzige Tablette aufzunehmen», sagt Rummer und folgt: «Die wirkliche Gefahr geht allenfalls von Keimen aus und nicht von Pestiziden oder Medikamentenrückständen.» Die täglichen Tests der IWB beziehen sich vor allem auf die Hygiene des Trinkwassers.

Die Qualität des Trinkwassers hängt auch von der Sauberkeit des Grundwassers und den Flüssen ab. So werden etwa die Kläranlagen aufgerüstet. Der Rhein wird täglich kontrolliert.

Bei einer Verunreinigung wird die Versickerung des Rheinwassers in den Langen Erlen oder in der Hard gestoppt. Dort filtern Aktivkohleanlagen den grössten Teil der Pestizide raus. Da die Hard in der Nähe der Deponie Feldreben ist, wird sie nicht nur einmal, sondern sechs Mal im Jahr untersucht.

Laut Wenk können alle ihren Beitrag zu saubererem Wasser leisten. Denn: «Was das Klo hinabgespült wird, landet letztlich im Trinkwasser.»

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