Fünfeinhalb Jahre lang arbeitete der indische Neurowissenschaftler Pradeep Sherkhane an der Universität Basel in der Forschung. Dann schloss er im Jahr 2017 sein Doktorat ab. Doch was bei anderen ein Grund zur Freude ist, liess Sherkhane in Bedrängnis geraten: Mit dem Abschluss fand regelkonform auch sein befristeter Arbeitsvertrag ein Ende. Sherkhane begab sich auf Jobsuche – und geriet zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Als Drittstaatenbürger erhielt er keine Arbeitslosengelder. Er sei «nicht vermittelbar», wurde ihm mitgeteilt.

Das Problem: Sherkhane besass zum Zeitpunkt der Anmeldung zum Leistungsbezug eine Aufenthaltsbewilligung B, die nur für den Zeitraum seines Doktorats gültig war. Dass er später eine Kurzaufenthaltsbewilligung L zur Stellensuche besass, war nicht relevant. Für den Inder ein Affront: «Ich habe die ganze Zeit über in die AHV und die Arbeitslosenversicherung ALV einbezahlt und nun, da ich selbst Unterstützung benötige, weist man mich zurück», erzählt er der bz. «Nachdem ich zur Schweizer Forschung beigetragen habe, soll ich nun das Land verlassen. Das ist doch einfach nicht fair.»

Klage wohl kaum erfolgreich

Der Neurowissenschaftler wandte sich ans Basler Sozialversicherungsgericht, danach ans Bundesgericht. Beide Male blitzte er ab. Nun klagt er vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Sein Vorwurf: Er erhalte aufgrund seiner Herkunft keine Unterstützungsgelder. Sherkhane bezieht sich auf den Artikel 14 der Europäischen Menschenrechtskonvention zur Rassendiskriminierung.

Mit seiner Klage in Strassburg dürfte Sherkhane allerdings keine Chance haben. So die Einschätzung diverser Juristinnen. Eine von ihnen ist Migrationsrechtlerin Sarah Progin-Theuerkauf, die an der Universität Fribourg doziert. «Der Fall ist interessant», sagt sie gegenüber der bz.

Allerdings dürfte die Anwendung des Artikels 14 der Menschenrechtskonvention, den Sherkhane geltend machen möchte, nicht erfolgreich sein: «Der Artikel 14 EMRK kann nur in Verbindung mit einer anderen Konventionsnorm zur Anwendung kommen, nicht selbständig. Dies bringt der Beschwerdeführer hier nicht vor. Die Beschwerde dürfte damit unzulässig sein», so das Fazit der Juristin. Sherkhane hat seine Klage aus finanziellen Gründen ohne einen eigenen Anwalt eingereicht.

Nur zehn Prozent dürfen bleiben

Trotz schlechter Aussichten auf Erfolg: Sherkhanes Klage trifft einen wunden Punkt. Denn der Inder ist kein Einzelfall. Er gehört zu den rund 3000 Personen aus Drittstaaten, die in der Schweiz im Jahr 2017 einen Hochschulabschluss erlangten. Nur zehn Prozent von ihnen können sich im Schweizer Arbeitsmarkt integrieren.

Der Grund: Die Kontingente für Drittstaatenangehörige sind häufig schon früh im Jahr ausgeschöpft. Auch in Basel waren sie im letzten Jahr bereits Ende Februar aufgebraucht. Nach Annahme der Masseneinwanderungsinitiative im Jahr 2014 wurden die Kontingente vom Bundesrat gesenkt. An den Hochschulen sind insbesondere Studenten aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich betroffen, wie eine Studie von Economiesuisse zeigt. «Genau bei MINT-Fachkräften ist der Mangel in der Schweiz besonders eklatant. Es besteht ein nicht unerhebliches Potenzial, diese Fachkräfte, die sich während dem Studium hierzulande bereits akklimatisieren konnten, erfolgreich im Arbeitsmarkt zu integrieren», schrieb der Wirtschaftsverband kürzlich auf seiner Webseite.

Nun soll die Schweiz für Uniabsolventen aus Drittstaaten attraktiver werden: Diesen März hat nach dem National- auch der Ständerat einer entsprechenden Motion des St. Galler FDP-Nationalrats Marcel Dobler zugestimmt. Dobler fordert darin, dass Uni- und ETH-Absolventen aus Drittstaaten nicht mehr von der Kontingentierung betroffen sind. Der Bundesrat muss nun eine Gesetzesänderung ausarbeiten.

Nicht mehr davon profitieren wird Pradeep Sherkhane. Der Inder verlässt die Schweiz in den kommenden Tagen. Ende Mai tritt er eine Stelle in den USA an. Er ist froh: Willkommen habe er sich hier nicht mehr gefühlt.