Da hat sich am Samstagmorgen der eine oder andere Basler Verkehrspolitiker verwundert die Augen gerieben. Die «Schweiz am Wochenende» machte ein bisher unveröffentlichtes Dokument bekannt. Ein offizieller Entscheid existiert noch nicht, doch das Papier zeigt: Die Regierung will bis 2025 das städtische Tramnetz revolutionieren. «Der Grosse Rat und die Bevölkerung werden von Regierung und Verwaltung schlicht ignoriert», findet Grünen-Grossrat Michael Wüthrich, Präsident der Umwelt-, Verkehrs- und Energiekommission (Uvek).

So soll etwa der 16er über eine neue Linienführung durch den Petersgraben an den Bahnhof St. Johann fahren. Auch der 8er soll ein neues Schienenstück erhalten und wird zum Wettsteinplatz hin umgeleitet. Ziel: die Innenstadt vom Tramverkehr zu entlasten. Gleichzeitig aber soll der Takt auf der Linie 11 der BLT erheblich erhöht werden. Weiter ist vorgesehen, sowohl den 8er als auch den 3er an ihren Endpunkten zu verlängern.

«Für mich ist das ein No-Go»

Diese Pläne weichen deutlich von dem ab, was der Grosse Rat etwa mit dem Bericht zur Tramentwicklung vom Dezember 2015 beschlossen hat. Dort wurde festgelegt, dass der 8er weiter durch die Innenstadt fahren muss. Gleichzeitig wurde beschlossen, dass anstelle des Erlenmatt-Trams die Schönaustrasse in die Planung einfliessen soll. «Die übervolle Buslinie 30 wird aber weiterhin nicht auf ein Tram umgestellt, was klar dem Willen von Uvek und Grossem Rat widerspricht», meint Wüthrich. Auch fehlt eine Verlängerung ins Dreispitzareal, welche die Kommission als prioritär erachtet.

«Von den damaligen Beschlüssen wird fast nichts realisiert», kritisiert der Uvek-Präsident. «Da scheint jemand seine Hausaufgaben nicht zu machen.» Stattdessen wäre aus mehreren Quartieren kein umsteigefreier Zugang zur Innenstadt mehr möglich. Rund 85'000 Einwohner wären davon betroffen, rechnet Wüthrich vor. Das werde auch dem Gewerbe in der Innenstadt schaden. «Hier werden teilweise Probleme verstärkt, statt sie zu lösen», findet Wüthrich. «Die Regierung muss sich das wirklich gut überlegen. Für mich ist das ein No-Go.»

Diplomatischer gibt sich Stephan Lüthi. Doch auch der SP-Grossrat betrachtet die Studie eher skeptisch: «Werden Bequemlichkeit und Gewohnheiten angegriffen, geht bei vielen Leuten der Laden runter», sagt er. «Ich befürchte deshalb, dass den Plänen viele Partikularinteressen im Weg stehen werden.»

Weniger hart mit der Regierung ins Gericht geht Uvek-Mitglied André Auderset. «Ich würde die Pläne sicher nicht vom ersten Moment an in Grund und Boden verdammen», sagt der LDP-Grossrat. Es gebe auch positive Elemente wie das Pharma-Tram oder eine verbesserte Anbindung des Bahnhofs St. Johann. Mühe habe er dagegen mit einer neuen Linie durch den Claragraben hin zum Wettsteinplatz. «Ich sehe nicht, wie das funktionieren soll. Der Platz ist schon heute stark belastet.»

Skeptisch bis ablehnend

Das sieht Kommissionskollege Joël Thüring genauso: «Man sollte überhaupt so wenig neue Schienen verlegen wie möglich», findet der SVP-Mann. «Insofern stehe ich den Plänen in diesem Ausmass eher skeptisch bis ablehnend gegenüber.» Zwar sei er ebenfalls dafür, dass die Innenstadt vom Tramverkehr entlastet wird. Da mache es aber kaum Sinn, wenn im Gegenzug der 11er vermehrt durchfährt. Genau das wird auch von Uvek-Präsident Wüthrich kritisiert: Es sollen künftig vier Tango-Kurse der BLT durch die Innenstadt fahren, obwohl dieser Typ ganz vorne und ganz hinten keine Türen hat. «Basel-Stadt hat sich gegen diesen Typ entschieden, um ein schnelles Umsteigen zu ermöglichen.»

Und sowieso: Im Bericht zur Traminitiative sei beschlossen worden, dass die Regierung alle zwei Jahre dem Grossen Rat Bericht erstatten muss. Der zweite Bericht sei aber schon seit Dezember im Verzug. «Der Grosse Rat wird einmal mehr ignoriert. Das ist starker Tobak», kritisiert Wüthrich. «Das Bau- und Verkehrsdepartement muss langsam aufpassen, denn sonst wird das Vertrauensverhältnis nachhaltig gestört und eine gute Zusammenarbeit mit dem Grossen Rat auch in anderen Projekten gefährdet.»