Basler Strafgericht

«Das ist mein Wohnquartier. Ich will nicht, dass die Sekte wächst»: Der Scientology-Gegner musste sich vor Gericht verantworten

Manfred Harrer führt seinen Kampf gegen die Basler Scientology-Filiale an allen Fronten.

Manfred Harrer führt seinen Kampf gegen die Basler Scientology-Filiale an allen Fronten.

Erstmals sassen sich Scientologen und Gegner im Basler Strafgericht gegenüber. Gleich zu Beginn warnte die Gerichtspräsidentin den Beschuldigten: «Herr Harrer, Sie stehen heute vor Gericht, nicht Scientology.»

Etwas nervös war Manfred Harrer schon, als er vor dem Saal im Basler Strafgericht wartete. In wenigen Minuten sollte der Prozess gegen ihn beginnen. Dennoch versuchte er Zuversicht und Selbstvertrauen auszustrahlen. Neben seinen Unterstützern stehend beobachtete er die anderen Zuschauer. Etwa die Hälfte davon gehört zu Scientology. Harrer musste sich für mehrfache Tätlichkeiten, üble Nachrede, Beschimpfungen, Drohungen sowie mehrfache versuchte Nötigung verantworten.

Gerichtspräsidentin Dorrit Schleiminger warnte den Beschuldigten gleich zu Beginn: «Herr Harrer, Sie stehen heute vor Gericht, nicht Scientology.» Der Prozess versprach in die Geschichte einzugehen. Denn: Zum ersten Mal trafen vor dem Basler Strafgericht Vertreter der Sekte auf ihre Gegner. Gleichwohl warf Verteidigerin Elisabeth Vogel dem Basler Scientology-Ableger in ihrem Plädoyer vor, Harrer sei ausgesucht worden, um mit seinem Beispiel einen Präzedenzfall zu schaffen.

Hauptbestandteil der Verhandlung waren die Vorwürfe zweier Privatkläger – beide Scientology-Mitglieder. So soll Harrer, der sich öffentlich als Anti-Scientology-Aktivist bezeichnet, im November 2015 sowie zwischen August und November 2016 strafbar gemacht haben. In dieser Zeit unterhielt Scientology fast täglich einen Stand vor ihrem Büro beim Claraplatz.

Aktivist störte Scientology beim Anwerben

Der Beschuldigte versuchte mehrfach, die Scientology-Mitglieder davon abzuhalten, Passanten anzuwerben. Harrer sagte vor Gericht: «Das ist mein Wohnquartier. Ich will nicht, dass die Sekte wächst.» Da er in der dortigen Migros jeweils zu Mittag esse und einkaufen gehe, habe er auf seinem Weg beim Scientology-Stand angehalten. Mit Zwischenrufen und Schildern habe er die Aufmerksamkeit der Passanten gewinnen wollen. Dabei habe er nie den öffentlichen Grund verlassen und etwa das Privatstück der Organisation betreten. Auch sei er nie gewalttätig geworden.

Demgegenüber beschreiben die beiden Privatkläger die Auseinandersetzungen als «belastend». «Zwei Jahre lang war er fast täglich da. Er provozierte und schüchterte uns ein», erzählt Franz M.* vor Gericht. Weiter habe Harrer die Scientology-Vertreter in verschiedener Weise bedroht. Franz M. habe in gewissen Situationen den Stand verlassen und sich ins Gebäude zurückgezogen– darum der Vorwurf der mehrfachen versuchten Nötigung.

Die Privatkläger verlangten einen Schuldspruch in allen Anklagepunkten sowie eine Entschädigungszahlung. Ihr Anwalt sagte in seinem Plädoyer: «Seit Jahren verhält sich der Beschuldigte nach demselben Muster. Er ist unberechenbar und die Delikte lassen ihn als vollkommen unbelehrbar erscheinen.» Einen vollumfänglichen Freispruch und die Abweisung sämtlicher Forderungen nach Entschädigungen verlangte hingegen die Verteidigerin Harrers. «Scientology will ihn von der Bildfläche verschwinden lassen», ist sie sich sicher. Weiter seien Zwischenrufe oder das Warnen von Passanten keineswegs widerrechtlich. «Es mag nicht besonders höflich sein, aber es ist nicht rechtswidrig», so Vogel.

Das Gerichtsverfahren ist beendet. Das Urteil wird am Freitag, 17. Januar, mündlich eröffnet.

 

* Name der Redaktion bekannt.

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