Marignano & Co.
Das Jahr 2015 ist ein multiples Jubiläumsjahr, doch Geschichte ist sinnlos

Alt-Bundesrat Christoph Blocher und Historiker Thomas Maissen reden aneinander vorbei: Dem Einen geht es um Interpretation, dem Anderen um Fakten. Der Wochenkommentar über die Mythen von Morgarten und Marignano und den darüber entflammten Streit.

Matthias Zehnder
Matthias Zehnder
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«Der Basler Kriegsheld zu Marignano war in Wirklichkeit ein Secondo.»

«Der Basler Kriegsheld zu Marignano war in Wirklichkeit ein Secondo.»

Roland Schmid

In der Schweiz wird dieser Tage heftig gestritten: Es herrscht Streit um die Geschichte. Das ist kein Zufall: Das Jahr 2015 ist ein multiples Jubiläumsjahr. Die Schlacht am Morgarten (1315), die Schlacht bei Marignano (1515) und der Wiener Kongress (1815) haben vor 700, 500 respektive 200 Jahren stattgefunden.

Vor allem an Marignano entzünden sich die Geister. Alt-Bundesrat Christoph Blocher behauptet: «Auf die Schlacht von Marignano geht unsere Neutralität zurück, die ist viel älter als der Bundesstaat.» Historiker Thomas Maissen entgegnet: «An Neutralität und Mässigung dachten die Eidgenossen deswegen noch lange nicht.»

Der Rütlischwur, eine erfundene Legende

Wie der Schlacht von Marignano geht es auch anderen historischen Ereignissen. Zum Beispiel dem Rütlischwur, dem Bund von 1291. SVP-Politiker sehen darin die Geburtsstunde der Unabhängigkeit der Schweiz, ein Symbol für den Wehrwillen des Alpenvolkes. Historiker Maissen entgegnet, der Bund von 1291 war nur einer von vielen Bündnissen. Die Schweizer Städte haben auch mit vielen anderen Orten «Eidgenossenschaften» gepflegt. Der Rütlischwur ist eine erfundene Legende.

Die Auseinandersetzung zwischen Blocher und Maissen ist kein Historikerstreit, sondern ein politischer Streit über die Interpretation der Geschichte. Eigentlich reden die beiden Herren kräftig aneinander vorbei. Blocher zitiert Gottfried Keller: «Ob sie geschehen? Das ist hier nicht zu fragen. Die Perle jeder Fabel ist der Sinn.» Blocher geht es nicht um Fakten, sondern um Interpretation – also um Politik. Maissen geht es im Gegenteil nur um Fakten, um den «heutigen geschichtswissenschaftlichen Kenntnisstand».

Wenn Fakten und Mythen einander gegenüberstehen, haben es die Fakten schwer. Zu fest sind vielen Menschen die Mythen ans Herz gewachsen, als dass sie sie einfach fahren liessen. Gerade Basler sollten dem Bund der alten Eidgenossen von 1291 mit Skepsis begegnen: Basel gehörte damals ganz anderen «Eidgenossenschaften» an und pflegte viel engere Beziehungen mit Städten, die heute in Deutschland und Frankreich liegen. Ein «Wir»-Gefühl ist mit Bezug auf 1291 also völlig falsch am Platz.

Die Schlacht von Marignano hingegen hat auch in Basel Spuren hinterlassen: Auf der rechten Seite des Rathausturms ist nämlich Hans Bär abgebildet, ein Fähnrich der Basler Truppen vor Marignano. «Hans Bär der rettet Basels Fahn’ und fiel als Held bei Marignan» und zwar am 14. September 1515. Gerade das Bild am Rathausturm, das am besten von der Freien Strasse aus zu sehen ist, zeugt auch in Basel von einem lockeren Umgang mit den Fakten bezüglich Marignano: Das Fähnlein, das der echte Hans Bär vor Marignano fallend wohl einem Kameraden in die Hand gedrückt hatte, war viel kleiner und unscheinbarer als das Basler Banner, das den Rathausturm ziert. Das Bild aus dem Jahr 1901 ist also nichts anderes als eine Geschichtsfantasie.

Eigentlich waren die Eidgenossen eine Art Securitas des Papstes

Das historisch richtige Banner von Basel wäre das Julius-Banner, das so heisst, weil Papst Julius II. den zwölf alten Orten Banner verliehen hatte. Die Alten Orte hatten 1505 einen Soldvertrag mit Papst Julius II. geschlossen. Der Vertrag verpflichtete die Eidgenossen zum Schutz des Kirchenstaates. Darauf gründet auch die päpstliche Schweizergarde. 1512 stellten die Alten Orte dem Papst ein ganzes Söldnerheer zur Verfügung. Im Pavierzug zogen 1512 gut 20'000 Schweizer Söldner über die Alpen und eroberten zusammen mit Truppen der Republik Venedig die unter französischer Herrschaft stehenden lombardischen Gebiete und das Herzogtum Mailand. Frankreich liess das aber nicht auf sich sitzen und schlug die Eidgenossen im Sold des Papstes in der Schlacht von Marignano vernichtend.

Der am Rathaus abgebildete Held ist nicht der historische Hans Bär. Der Fähnrich trägt vermutlich die Gesichtszüge von Eduard Vischer, einem Architekten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach heutigen Massstäben war Hans Bär übrigens gar kein Basler. Er war der Sohn eines aus dem Elsass eingewanderten Kaufmanns, der es in Basel zu Geld und Ansehen gebracht hatte. Der Basler Kriegsheld zu Marignano war also in Wirklichkeit ein Secondo.

Die Realität ist mithin einiges komplexer und verwirrender, als uns Heldenbilder und Schlachtmythen glauben lassen wollen. Anders als eine gute Geschichte hat die Geschichte keinen Sinn. Genau das aber unterstellen die Anhänger der Mythen von Morgarten und Marignano. Die Geschichte aber ist «Sinn-los». Ein Sinn wird der Geschichte immer erst im Nachhinein und aus der Sicht der Gegenwart aufoktroyiert. Oder wie Dürrenmatt zu sagen pflegte: «Der Wirklichkeit ist mit der Logik nur zum Teil beizukommen.»