Kulturfestival
Das klassisches Puppentheater Bunraku zum ersten Mal in der Schweiz

Grosses aus Japan: Schon seit 150 Jahren pflegen die Schweiz und Japan diplomatische Beziehungen. Ein guter Grund für das Festival Culturescapes, sich dieses Jahr der Kultur aus dem Grossraum Tokio anzunehmen.

Susanna Petrin
Drucken
Teilen
Das japanische Puppentheater Bunraku wird erstmals in der Schweiz gezeigt

Das japanische Puppentheater Bunraku wird erstmals in der Schweiz gezeigt

Zur Verfügung gestellt

Kabuki und Tamagotchi. Haiku und Manga. Hokusais grosse Welle und Godzilla. Japans Kultur ist geprägt von Extremen wie vielleicht keine andere. Auf der einen Seite streng traditionellen Regeln verpflichtet – auf der anderen ultrafuturistisch. Da engste Naturverbundenheit, dort totale Künstlichkeit; da formvollendete Ästhetik, dort schriller Kitsch. An den Polen bringen die perfektionistischen Japaner ihre Kunstformen zur Meisterschaft.

All diese genialen Gegensätze und Widersprüche machen Japans Kultur so reizvoll für uns Europäer. Das Kulturfestival Culturescapes bringt sie uns nun diesen Herbst mit ihrem Schwerpunkt Tokio in ihrer ganzen Bandbreite näher. Da sei einerseits die stark traditionelle Gesellschaft, anderseits die ästhetische Moderne, sagte Festivalleiter Jurriaan Cooiman an der gestrigen Medienkonferenz: «Zwischen diesen zwei Extremen bewegt sich ein grosser Teil des Programms.»

Bunraku-Theater erstmals hier

Die Probleme der Stiftung «Culturescapes» – sie ist im Frühjahr knapp dem finanziellen Ruin entronnen – scheinen überstanden. Die Auswahl an Ausstellungen, Konzerten, Theater, Tanz, Film, Vorträgen und mehr ist beachtlich. Eine Produktion sticht dabei heuer heraus: Zum ersten Mal überhaupt wird in der Schweiz das klassische Puppentheater Japans, das Bunraku, zu sehen sein. «Das ist die Perle des japanischen Theaters», sagte Herbert N. Haag, Präsident der Schweizerisch-Japanischen Gesellschaft. Es gebe weltweit eine einzige Theatertruppe, die das Bunraku beherrsche. Normalerweise spiele diese nur in Kyoto und Osaka, im Ausland tourten sie äusserst selten. Dass es seiner Gesellschaft mit Hilfe von Culturescapes, Diplomaten und Botschaftern gelungen sei, diese Bunraku-Meister in die Schweiz zu holen, sei sensationell, erzählte Haag.

Ein diplomatisches, aber auch ein finanzielles Wunder. Allein Bunraku für insgesamt sieben Vorstellungen in die Schweiz zu bringen, kostet gemäss Haag 900'000 Franken. Ein gutes Drittel finanziert das japanische Kulturministerium, rund 200'000 Franken sollen die Ticket-Einnahmen generieren, ein weiteres gutes Drittel ist noch nicht gedeckt. Die finanzielle Verantwortung trägt Haags Gesellschaft. Er nimmt das Risiko in Kauf: «Ich habe mir immer gewünscht, der Schweiz etwas von diesem Theater zu zeigen.»

Im Bunraku bewegen jeweils drei schwarz gekleidete Männer eine bis zu 1,5 Meter grosse Puppe. Gemeinsam geben sie ihr einen eigenen Charakter und komplexe Emotionen. Diese Theaterform steht auf der Liste des Unesco-Kulturerbes der Menschheit. Auch viele der Spieler seien praktisch «denkmalgeschützt», wie Cooiman es formuliert. Mit diesem Weltkultur-Theater wird das Festival am 27. September im Theater Basel eröffnet.

Logische Emotionen in der Kunst

Gegensätze sind auch das Thema im Museum Haus Konstruktiv in Zürich, das dank der neuen Leiterin Sabine Schaschl zum ersten Mal bei Culturescapes mitzieht. «Logical Emotion – Contemporary Art from Japan» heisst die Ausstellung, die das Museum realisiert. Zur Seite stehe ihr Kurator Kenjiro Hosaka vom National Museum of Modern Art Tokyo, sagte Schaschl. Logik und Emotion sähe man als getrennte Bereiche, doch sie überlappten sich eigentlich oft. Die Ausstellung zeige minimale, strukturelle Kunst ebenso wie «übertriebene, überbordende, schreiende Werke».

3,6 Tonnen Stahl wird etwa die Künstlerin Noe Aoki in einer Grossinstallation vom Erdgeschoss bis ins oberste Geschoss wachsen lassen – «und so dem Material Eisen eine ungeahnte Leichtigkeit und Eleganz abgewinnen». Eine Europa-Premiere sei Tatsuo Miyajimas modernes Teehaus. Drinnen leuchtet ein Himmel aus LED-Zahlen. Logisch und romantisch.

In Japan sei jeder ein Rädchen im Getriebe, das permanent vorwärtsgedrängt werde. Cooiman hat den gesellschaftlichen Druck in Japan als besonders gross empfunden. Er verweist auch auf die hohe Selbstmordrate. Kritisch mit dieser kapitalistischen Leitungsgesellschaft setzt sich etwa der Theatermacher Toshiki Okada auseinander. Sein Stück «Super Premium Soft Double Vanilla Rich» wird unter anderem in der Kaserne Basel zu sehen sein – am selben Ort werden zwei weitere japanische Stücke aufgeführt.

Weitere Schwerpunkte des Festivals sind dieses Jahr Animationsfilme, zeitgenössische Musik und das Kulinarische. In der Markthalle, ein weiterer neuer Partner von Culturescapes, lernen Interessierte Sushi produzieren und Tee trinken. In die hohe Kunst der Teezeremonien führen auch das Philosophicum oder das Haus Konstrukiv ein.

In der 35-Millionen-Stadt Tokio muss vieles schnell gehen – nicht jedoch eine Teezeremonie: Sie kann gar nicht langsam genug ablaufen.

Programm: www.culturescapes.ch