Heimwehbasler

Das kleine Pompeji zog ihn gen Osten – Doch Basel bewahrt Urs Leuzinger nach wie vor tief in seinem Herzen

Urs Leuzinger leitet seit 21 Jahren das Archäologische Museum Thurgau.

Urs Leuzinger leitet seit 21 Jahren das Archäologische Museum Thurgau.

Die bz besucht in diesem Sommer mehrere ausgewanderte Basler Persönlichkeiten in der neuen Heimat. Der zweite Ausflug führt uns nach Frauenfeld zum Archäologen Urs Leuzinger.

Auf den Fersen seines Vaters fand Urs Leuzinger als kleiner Junge die erste Keramikscherbe im heimischen Riehen. Jahrzehnte später wird die Fundstelle beim Areal der ehemaligen Gehörlosen- und Sprachheilschule neu ausgehoben. «Im April haben sie bei euch zu graben begonnen», sagt der erfahrene Archäologe zur Begrüssung. Die Zelte in seiner Heimatstadt hat der Heimwehbasler längst abgebrochen. Nach einem Sensationsfund im thurgauischen Arbon war sein Umzug besiegelt. «Es war ein Lottosechser, ein kleines Pompeji im Thurgau», berichtet er mit leuchtenden Augen. In den Überresten eines 5000 Jahre alten Pfahlbaudorfes stiess Leuzinger auf archäologische Unikate.

Wir treffen den gross gewachsenen Museumskonservator mit dem verschmitzten Lächeln, der sich selbst als «nie aus dem Sandkastenalter entwichen» bezeichnet, im Museum für Archäologie in Frauenfeld. Die Fundstücke seien einphasig gelagert und durch den hohen Feuchtigkeitsgehalt gut erhalten gewesen. «Dann konnte ich Wurzeln schlagen», erinnert sich der 55-jährige Familienvater und betont, dass er dennoch ein bis zwei Jahre brauchte, um sich von Basel zu lösen. Er spricht schnell, wählt seine Worte bewusst und wirkt medienaffin.

Der Öffentlichkeit dürfte er durch seine Auftritte im Pfahlbau-Special von SRF bekannt sein. Als man am Ufer des Bodensees kürzlich auf mysteriöse Steinhaufen stiess, stand er der Medienschar Rede und Antwort. Die Faszination am Erforschen von Vergangenem liege vom heimatforschenden Vater, bis zur 22-jährigen Tochter, die in Basel Archäologie studiert, in der Familie. «Wir haben auch schon gemeinsam publiziert», betont Leuzinger, der noch heute Verbindungen zur Universität und den Kollegen der archäologischen Bodenforschung Basel pflegt.

Sein Lieblingsclub ist immer noch der FCB

Aufgewachsen in Riehen, schloss auch Leuzinger sein Studium an der Uni Basel ab und wohnte zu seiner Studienzeit in einer Mansardenwohnung in der Nähe des Basler Zoos. «Ich hörte das Margarethenglöckli läuten und die Wölfe heulen», sagt Leuzinger und schwelgt in Erinnerungen.

Mit dem Basler Zoo verbinde ihn bis heute ein Patentier. «Wir wollten etwas Flauschiges», sagt er. Schliesslich wurde es ein Stachelschwein. Dieses besuche Familie Leuzinger jedes Jahr zum Patentier-Tag. «Ich habe ein verklärtes Bild von Basel», schwärmt der Aktivfasnächtler und kommt übers «Gässle», der Überfahrt mit der Rheinfähre am Fasnachtsdienstag und das Flair vom Papiermuseum an der «Dalbe» – also der St. Alban Vorstadt – ins Schwärmen.

Auch seinen Lieblingsclub, den FCB, unterstütze er regelmässig mit Matchbesuchen, sagt der Hobbyfussballer und zieht seinen Schlüsselanhänger aus seiner Tasche. Daran baumelt ein rotblauer FCB-Anhänger. Die Besuche bei seiner Mama in Riehen verbinde er häufig mit einem Museumsbesuch – und lasse sich dabei bei den Kollegen inspirieren. Die Basler seien sehr genügsam, meint Leuzinger. Er habe durch die Distanz zu Basel jedoch auch die Schönheit seines neuen Zuhauses im Thurgau entdeckt.

Erleichtert, wieder geöffnet zu haben

«Jeden Tag finden wir hier neue Schätze», sagt er und führt uns durch die lichtgefluteten Räume des Museums. Seit 21 Jahren leitet er das pittoreske Haus. Er habe die Vitrinen so stellen lassen, dass sich deren Reihenfolge für seine Führungen anbiete. «Ich hatte Glück», sagt er und betont: Die Fundstelle in Arbon habe ihm alle Türen geöffnet.

Er schleust uns zügig an einem Borstentier, das am Eingang des Shops steht, vorbei. «Die Corona-Sau», kommentiert er und betont, wie erleichtert er sei, dass das Haus nach dem Lockdown wieder offen sei. Ihm liege viel an der Vermittlung von Geschichte an die junge Generation, sagt er, der jedes Jahr eine Nacht im Museum für Schulkinder organisiere. «Samt grusligen Nebeneffekten», scherzt der Krimi-Fan und steigt aus dem Lift in den oberen Stock.

Er zeigt uns ein hölzernes WC samt rund 2000 Jahre alten Fäkalien. «Der Ziegenkot roch noch nach Ziege und an den Haarkämmen hingen noch Läuse», berichtet Leuzinger. Sichtlich stolz zeigt er uns vollständig erhaltene Tontöpfe und den ältesten Goldbecher der Welt. «Wir beherbergen Unesco-Welterbe», sagt er, der bereits am Fuss des Matterhorns und in der syrischen Wüste forschte. Im Thurgau habe er jedoch seinen archäologischen Sandkasten gefunden. Ob er je wieder nach Basel zurückkehre, stehe in den Sternen. Oder in den Bodenschätzen.

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