Mit aufmerksamem und wachem Blick beobachtet Charlotte Wirthlin das rege Treiben in ihrer Gartenbeiz. Seit 1992 betreibt die Wirtin den «Platanenhof» im Basler Klybeckquartier. In den 22 Jahren, in denen sie nun schon hinter dem Tresen der Gaststätte steht, hat sie Mitarbeiter kommen und gehen, ein Quartier sich entwickeln und ihre Besucher älter werden sehen: «Viele Gäste kenne ich schon aus meiner Anfangszeit hier. Leute, die ich als kleine Kinder kennen gelernt habe, feiern heute bei mir ihr Matur-Essen», erzählt Wirthlin stolz.

Sie freut sich über jeden, der seinen Weg in den Platanenhof findet. Das tun viele, jetzt, wo die Sommerhitze in Basel Einzug hält: Der Schatten der Kastanienbäume lockt Gäste aus der ganzen Stadt in den Garten des Lokals. An den bunten Tischen und Stühlen können in der Quartierbeiz auch die Daheimgebliebenen die Ferienstimmung geniessen. Eine Quartierbeiz, das ist es auch, was Wirthlin in ihrem Platanenhof sieht – «nur mit besserem Essen», scherzt sie.

Gutes Essen, das ist Wirthlins Leidenschaft: «Schon als ich den Betrieb vor 22 Jahren übernahm, begannen wir mit einem erstklassigen Koch.» Erste Klasse, das hiess im Platanenhof immer: frisch und selbst gemacht. Dieser Linie blieb der Betrieb seither treu. Seit zwei Jahren schwingt der Küchenchef Matthias Haller im Platanenhof die Kochlöffel. Mittlerweile bildet er sogar einen eigenen Lehrling aus.

In Hallers Küche findet man weder Pulversaucen noch Fertiglebensmittel. Nach Möglichkeit kauft er das Fleisch für die Platanenhof-Menüs bei Bauernhöfen aus der Region – manchmal sogar ein ganzes Rind oder Lamm. Die «freche Hausmannskost», wie der Gasthof seine Küche beschreibt, beinhaltet auch Innereien und selbst gemachte Würste. Letztere, auf der hauseigenen Wurstmaschine «Rosi» hergestellt, gehören zu den Spezialitäten auf der Karte. Seit 22 Jahren schreibt Wirthlin diese von Hand.

Ruheoase in den Mittagsstunden

Seit Wirthlin damals im Platanenhof angefangen hatte, hat sich trotzdem einiges geändert. Den stärksten Wandel stellt die Wirtin im Mittagsgeschäft fest: «Heute kann man an jeder Ecke billige Fertigmenüs kaufen, und die Leute gönnen sich viel kürzere Mittagspausen als damals.» Dazu kommt, dass die Gastromeile auf dem Novartis-Campus einen Grossteil der potenziellen Gäste des Platanenhofs anzieht.

Dass es in der Mittagszeit in ihrem Garten heute ruhiger ist als früher, hat laut Wirthlin aber auch seine Vorteile: «Unsere Gäste geniessen hier ihren Mittag in Ruhe. Den meisten ist es in der Stadt mittlerweile zu überlaufen.» Über eine schlecht laufende Saison kann sich der Platanenhof dennoch nicht beklagen: An den Sommerabenden sind die Gartentische meist bis auf den letzten Platz besetzt.

Glücklich im lebhaften Klybeck

Der Platanenhof gehört zur Wohn-Genossenschaft Klybeck, die 2004 gegründet wurde, um den Verkauf der Novartis-Liegenschaften an der Klybeckstrasse und dem Altrheinweg zu verhindern. Neben Künstler-Ateliers und Wohnungen zählt der Gasthof heute auch die Kulturbetriebe «Neues Kino» und «Musikpalast» zu seinen Nachbarn. Der ideale Ort für eine Quartierbeiz? «Das Klybeck ist spannendes Quartier, das sich immer verändert und in dem sich viel tut», findet Wirthlin.

Dass das Quartier in Basel einen schlechten Ruf hat, das kann sie nicht nachvollziehen: «Obwohl unser Quartier so oft verunglimpft wird, möchte ich nirgendwo sonst sein», sagt sie. In den 22 Jahren, in denen sie hier wohnt und arbeitet, hat sie noch keine schlechten Erfahrungen gemacht – im Gegenteil. Sie bewegt sich gerne in ihrem Quartier und knüpft Kontakte mit seinen Bewohnern.

Auch die geplanten Zwischennutzungsprojekte am Hafen und deren Vertreter kennt sie gut: Im Quartierlädeli geht sie einkaufen, und mit den Bewohnern des Wagenplatzes unterhält sie sich auf ihrem morgendlichen Spaziergang. Obwohl der Platanenhof bei den Anwohnern bekannt und beliebt ist, muss Wirthlin gestehen: «Zu behaupten, dass wir alleine von Gästen aus dem Quartier leben können, das wäre vermessen.»

Deshalb wünscht sie sich, dass das Klybeck in Zukunft besser an die Stadt angeschlossen und integriert wird. Bis dahin hofft sie, dass der Platanenhof weiterhin als «schöner, grüner Fleck» Leute aus der ganzen Stadt ins Aussenquartier locken wird.