«Die grosse Krise» in der Kaserne Basel ist ein Theaterabend, der wie ein Kochbuch funktioniert. Nach und nach werden die Zutaten vorgestellt, die in den riesigen Krisenkochtopf kommen, der allseits brodelt: Das sind die Lehman Brothers, das ist eine wertlose Immobilie, das ist der freie Markt, das ist die Weltbank und so weiter. Das ist der letzte Eisbär, das ist die Sahara, das ist ein Frühlingsregen auf Grönland und so weiter.

Dabei werden immer neue Objekte auf der Bühne platziert und zueinander in Beziehung gesetzt, wie in einem Sonnen-
system. Konstellationen, deren Verstrickungen in die Krise geführt haben, werden abstrahiert vorgeführt. In der leichtgängigen Aufzählung der Zutaten, im wiederholenden Aufbau dieser Konstellationen, hat das Theaterkollektiv Helium x ein prägnantes und spielerisches Stilmittel gefunden, dass das ausufernde Thema der allgegenwärtigen Krise fassbar macht.

Und dabei gehen die Performer Philippe Heule, Patrick Oes, Friederike Falk, Daniela Ruocco, Elina Wunderle, die auch gemeinsam für das Konzept zeichnen, mit augenzwinkerndem Wortwitz vor. Sie nehmen ihre Krisenzutaten wörtlich.

Der nüchterne Blick auf die Krise

Die grosse Krise bringt grosse Dinge auf die Bühne. Als es um eine unkontrollierbare Spirale der Krise geht, zieht Philippe Heule, der in der vergangenen Spielzeit als Hausautor am Theater Basel engagiert war und dessen selbstironische, unterspannte Bühnenpräsenz besonders heraussticht und zum Lachen bringt, tatsächlich eine grosse, widerspenstige Plastikrohspirale auf die Bühne und kämpft mit dem Ding. Die Objekte, meist Baumaterialien aus dem Heimwerkerbedarf, werden zum Leben erweckt. Somit kommt die grosse Krise keinesfalls larmoyant oder reisserisch daher. Mit einem nüchtern-wissenschaftlichen Blick werden Versuchsanordnungen auf- und abgebaut. Das schafft Distanz zu der scheinbar alle überwältigenden, lähmenden Krise.

Zwischen Banalität und Ernst

«Die grosse Krise» ist die zweite Produktion von Helium x. Beim Treibstoff-Festival 2015 haben die jungen Theatermacher um die 30 mit «Die grosse Schlacht» ihr erstes Stück gezeigt. Die grossen Dinge sind scheinbar ihr Thema. Sie beleuchten sie mit minimalen und abstrakten Mitteln.
Dabei hat das Hin- und Hertragen der Objekte, das immer wiederkehrende Auf- und Abbauen der Krisenelemente durchaus seine Längen. Doch die Ideen von Helium x sind damit nicht erschöpft. Den Performern gelingt es zu überraschen, zum Beispiel durch den schnellen Wechsel von Banalem und Ernsthaften. Gerade damit können sie auch wunde Punkte treffen und die Absurdität der gleichzeitigen, medialen Präsenz von nichtigen und richtigen Krisen vorführen. Während in einem Moment noch über die Trennung von «Branglia» geschmunzelt wird, bleibt im nächsten schon das Lachen im Halse stecken, wenn das Trümmerfeld von Aleppo thematisiert wird. Da setzt selbst die Übersetzerin aus, die zuvor für amüsante Missverständnisse gesorgt hatte.

Den ganzen Abend über nimmt sie eine subtil und geschickt verpackte Kommentarrolle ein, die so manche Szene überhaupt erst schlüssig macht. Etwa wenn ein neuer «Leader» hoch zu Ross über die Leadership-Qualitäten sinniert und Daniela Ruocco nicht nur sprachlich übersetzt, sondern auch seine Floskeln enttarnt.

Zum Schluss, nachdem die Performer mit vollem Körpereinsatz ihre Besitztümer verteidigt und dabei grösstenteils zerstört haben, gönnen sie sich noch einen Moment Krisenyoga: einatmen — ausatmen — Panik, einatmen — ausatmen — Angst, einatmen — ausatmen — Isolation. «Die grosse Krise» trifft mit ihrem verspielt-ironischen Zugang einen Nerv der Zeit.

Helium x: «Die grosse Krise». Freitag, 31. März, und Samstag, 1. April, jeweils 20 Uhr, Sonntag, 2. April, 19 Uhr. Kaserne Basel.