Kunst
Das Kunstmuseum Basel zeigt Cézannes private Skizzen

Der berühmte französische Maler zeichnete auch – für sich. Das Kunstmuseum Basel zeigt nun seine ganz privaten Skizzen.

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Cézanne im Kunstmuseum Basel
3 Bilder
Skizze: «Cézannes Sohn Paul als Harlekin» (um 1888)
Der bekanntere Cézanne: «Harlequin (Harlekin)» (1888/90)

Cézanne im Kunstmuseum Basel

Kunsthaus Zürich

Der intime Kenner seines Werks mag es schon lange wissen, jetzt erschliesst es sich auch dem interessierten Publikum: Paul Cézanne (1839–1906) war ein Zeichner. Im Schatten seiner berühmten «Montagne Sainte-Victoire», neben Stillleben, Landschaften oder Badeszenen in Aquarell und Öl hat der Wegbereiter moderner Malerei den Bleistift nicht ruhen lassen.

Er zeichnete nach alten Meistern in öffentlichen Sammlungen und studierte im realen Leben die Haltung von Mensch oder Tier. Sogar zwischen einzelnen Porträt-Sitzungen soll man ihn mit dem Zeichenblock in der Skulpturenabteilung des Pariser Louvre angetroffen haben, wo er am reglosen Modell das Sehen und den Strich trainierte.

Spuren des Privaten

Der Künstler selbst hat seine Skizzen nicht öffentlich gezeigt, als Arbeitsmaterial waren sie den Gebrauchsspuren im Atelier ausgesetzt. Und weil er nicht für uns, sondern für sich selber zeichnete, hat er unzensiert Körpergesten über schriftliche Notizen gelegt, seine Frau, sich selbst, den schlafenden Sohn als Modell benutzt.

Das ist weit mehr als Kunstgeschichte. Da streift die Linie das Private. «Der verborgene Cézanne» ist Cézanne exklusiv: ein Künstler, der gelegentlich auch seinen kleinen Buben zum Skizzenbuch greifen lässt, der keine Berührungsangst kennt zwischen Bildentwurf und Haushaltsrechnung, der das Blatt als Spielfeld nutzt, um die Grenzen akademischer Regelwerke zu testen und zu überschreiben.

Unter aller Farbe: der Strich

Acht Säle sind nun in Basel seinen Skizzenbüchern gewidmet, 154 Zeichnungen von insgesamt rund 200 Exponaten stammen aus eigenem Besitz – der weltweit grössten Sammlung an Zeichnungen des gebürtigen Südfranzosen. Um 1865 datiert das früheste Blatt der Schau, der Parcours führt bis zu Landschaften in Öl aus den letzten Lebensjahren. Das ist viel. Es verlangt den nahsichtigen Blick, der manches Papier von vorn wie von hinten abtasten darf. Ausdauer wird belohnt: Die Augenlust setzt ein, wo man Cézanne in seinem Interesse an der Dynamik beobachten kann und die bewegte Figur aus energischen Linienbündeln entstehen sieht. Wo er einen Körper gleichzeitig einfängt wie aufzulösen scheint.

Wo der Autodidakt in einer frühen Sturm-und-Drang-Phase Gewaltszenen aufs Blatt wirft und dabei auch den gestalterischen Eigenwert des Zufalls anerkennt. Oder wo seine locker gewordene Linie den Frauenakt umschmeichelt und das Idyll seiner «Badenden» vorbereitet.
Schon aus Platzgründen wollte sich das Kunstmuseum nicht jeden Luxus leisten, sondern achtete darauf, dass ausgewählte Leihgaben mit dem eigenen Konvolut möglichst direkt in Verbindung stehen.

So kolorieren zwei Kleinformate in Öl mit dem Titel «Après-midi à Naples» den Körperbau, den Cézanne weniger an anatomischer Korrektheit als an Zeichen der Entspanntheit mass. Und mit dem «Harlequin» aus Washington, dem in der Basler Vorstudie um 1888 noch die Gesichtszüge des Künstlersohns eingeschrieben sind, entdeckt man in Cézanne einen älteren Bruder Picassos, wie ihn auch das Kunstmuseum hütet.

Basels ganzer Cézanne

Basel war früh interessiert, als Jahre nach seinem Tod Cézannes «stille Reserven» auf den Kunstmarkt kamen. «Sollten Sie irgendetwas hören, dass Cézanne fils von seinen Zeichnungen und Aquarellen etwas abgeben will, so bitte ich Sie, uns sofort darauf aufmerksam zu machen, damit wir rechtzeitig bei ihm intervenieren können», schrieb der damalige Museumsdirektor Otto Fischer 1935 an den Pariser Händler Alfred Gold.

Nach langen Erwägungen, in denen sich nicht zuletzt die Künstler der Museumskommission für Cézanne starkgemacht hatten, war schon im Vorjahr der Kauf von über 70 Blättern gelungen. Dieser Kernbestand lässt sich zum grössten Teil drei Skizzenbüchern zuordnen, aus denen sich nun auch ein Teil der Ausstellung speist. Mit dem «Verborgenen Cézanne» kommt eine umfassende Recherche- und Rekonstruktionsarbeit zum Abschluss, mit dem das Kunstmuseum «seinen» Cézanne als Hintergrund und Referenzsystem international geschätzter Meisterwerke darstellen kann.

Um exquisite Leihgaben erweitert, ist mit den Basler Blättern ein Sommer lang «der ganze Cézanne» anwesend.

Kunstmuseum Basel Der Verborgene Cézanne. Vom Skizzenbuch zur Leinwand. Bis 24. September. Vernissage heute Freitag, 9. Juni, 18.30 Uhr.