Wir haben ihn in Erinnerung, den «Action Painter», und sehen ihn schwarz und weiss vor uns in den historischen Aufnahmen aus dem New Yorker Atelier um 1950: Einen Mann, der mit hoher Konzentration und vollem körperlichem Einsatz die Farbe auf eine grossformatige, auf dem Boden ausgelegte Leinwand tropfen lässt. Sein Name steht für das, was als «gestische Abstraktion» in die Kunstgeschichte eingehen sollte. Mehr noch: Jackson Pollock ist zum Inbegriff des modernen Schöpfers geworden, zu einem Meister, der dem Aufbruch der amerikanischen Nation künstlerisch Nachdruck verschaffte. Auch, indem er das Figurative verworfen und den Bildern zu einer so noch nie gesehenen Freiheit verholfen habe – zur Abstraktion als einer neuen Weltsprache.

Es ist nicht falsch, solche Klischees mitzuführen beim Rundgang durch die Ausstellung, die in Basel die einseitige Pollock-Rezeption zu korrigieren verspricht. Denn wenn man um die späten «Drippings» weiss, wird man manches vorausgegangene Werk schon in seiner randabfallenden Dichte würdigen und in seiner drängenden Bewegung. Pollocks Werkentwicklung von den 1930er-Jahren bis zu seinem frühen Unfalltod 1956 wird als mächtiger Taumel erlebbar – als Suchbewegung, die das Neue nicht zuletzt im Gedächtnis der europäischen Kunst ertasten musste. Manches Bild erinnert mit schwarz umrandeten Konturen an den expressionistischen Georges Rouault. Wo leichte Segel über dem Wellengang eines Gebirges in blauer Luft schweben, scheint Juan Mirò Pate zu stehen. Man sieht sich hier erinnert an den zärtlichen Marc Chagall und dort an die innere Aufruhr des Menschen bei Jean Dubuffet, gelegentlich zeigt sich der ernste Pollock sogar in der verspielten Geste des viel jüngeren Jean Tinguely.

Pollock nimmt Picasso auf

Den nachhaltigsten Eindruck auf den «figurativen Pollock» hatte allerdings Pablo Picasso. Bleistift-, Farb- und Federzeichnungen von 1939–1940 erweisen sich in den ersten beiden Räumen als Sammelgut eines Suchenden, der Picasso studiert und dessen expressive Verfremdung der Anatomie ungebrochen in sein Repertoire aufnimmt. Als die Welttournee von «Guernica» 1939 in New York Halt machte, muss das Bild den 27-jährigen Pollock wie einen Donnerschlag getroffen haben. Stundenlang sass er in der Galerie, fertigte Skizzen an und wäre bereit gewesen, Picassos politisch motivierte Ikone eigenhändig gegen skeptische Anfeindungen zu verteidigen. Und wenn auch politische Aussagen nicht das Thema seiner eigenen Kunst werden sollten, erkannte er in der kühnen Verteilung zeichenhafter Körper eine Möglichkeit und Befreiung. Pollock nimmt Picasso auf und wird seine Frauen und Pferde, Augen und Masken noch lange aufrufen – als Teil einer grossen, subjektiven Anverwandlung tanzen und taumeln sie durch seine Träume und Leinwände.

«Wenn man aus dem Unbewussten malt, müssen zwangsläufig Figuren daraus hervortreten», hat der wortkarge Künstler einst gegenüber einem Kritiker verlauten lassen. Die Kuratorin Nina Zimmer verlas Pollocks Selbstzeugnis an der gestrigen Medienkonferenz gleichsam als Headline zu ihrer Einführung. Denn das «Unbewusste» weist gleichzeitig in einen geistesgeschichtlichen Zusammenhang und in die Biografie des Künstlers, und beides haben sie und ihr Team im Hinblick auf die Ausstellung und den Begleitkatalog im Detail aufgearbeitet.

Jackson Pollock, früh an Alkoholismus erkrankt, hat sich über Jahre einer Psychoanalyse unterzogen und auch dabei den Mut gefasst, das Archetypische zeichnerisch freizulegen. Dabei hatte er Teil an einem Mentalitätsraum, der durch zahlreiche surrealistische Künstler im amerikanischen Exil vorbereitet war. Im Erfinden einer neuen, genuin amerikanischen Moderne sollte das Authentische, Unverbrauchte leitend sein, das im Innersten des Menschen wurzelt und in der Archaik von Bildern jenseits des zivilisierten Kunstbetriebs. Und während die europäische Avantgarde nach Afrika und Ozeanien aufgebrochen war, um das Wesentliche des Menschseins ins Bild zu holen, fand Pollock Masken, Zeichen und ein Interesse an Ritualen bei der indioamerikanischen Urbevölkerung.

Es sind kurze zwei oder zweieinhalb Jahre, in denen Pollock mit den «Drippings» die Figur ganz aus der Komposition entliess. Mit Absicht touchiert die Ausstellung diese späte Periode nur durch wenige, mittelformatige Bilder. Umso dichter holt «Der figurative Pollock» den Amerikaner in die Tradition der europäischen Malerei zurück und zeigt, dass seine Bildfindungen im Innersten der Figuration verpflichtet sind. «Wir sind stolz. Denn wir sind weltweit das erste Museum, das sich dieses Aspekts so umfangreich annimmt.» Über hundert Leihgaben aus internationalem Museums- und Privatbesitz hat Nina Zimmer temporär für Basel sichern können, um das verschattete Kapitel von Pollocks Kunst freizulegen. «Die Vorbereitungen haben angefangen, als der Erweiterungsbau erst als Simulation greifbar war.»

Pollock und Basel

1958 hatte sich in der Kunsthalle Basel die Tournee einer amerikanischen Gruppenausstellung mit einer Solo-Show Jackson Pollocks gekreuzt. Das war, als die öffentliche Kritik noch äusserst ungehalten auf die um sich greifenden Farbspuren reagierte. Als die National Versicherung anlässlich des 75-Jahre-Firmenjubiläums mit 100 000 Franken einen Ankauf zeitgenössischer amerikanischer Kunst für die Öffentliche Kunstsammlung anregte, mündete das zwar in den ersten Ankauf amerikanischer Gegenwartskunst in einer europäischen Institution überhaupt. Jackson Pollock jedoch blieb damals unberücksichtigt. Darum steckt in dieser aktuellen Schau eine zweite Korrektur der Pollock-Rezeption: Was in der Sammlung als Lücke empfunden werden könnte, ist im grossen Gastspiel internationaler Provenienz vielfach anwesend.

Kunstmuseum Basel, bis 22. Januar 2017

Eröffnung: Samstag 01. Oktober, 17 Uhr