Psychische Krankheit

Das Leben einer Angehörigen nach der Diagnose

Als Mutter eines psychisch kranken Sohnes fühlte sich Annemarie manchmal ausgeschlossen, wenn sie sah, wie es in anderen Familien rund läuft.

Als Mutter eines psychisch kranken Sohnes fühlte sich Annemarie manchmal ausgeschlossen, wenn sie sah, wie es in anderen Familien rund läuft.

Eine Mutter spricht über die Hilfslosigkeit und die Sorge, nichts tun zu können, und wie sie lernte, mit der Krankheit ihres Sohnes umzugehen

Hilflosigkeit ist ein Gefühl, das Annemarie* nur zu gut kennt. Ihr erwachsener Sohn wohnte längst nicht mehr zu Hause, als er begann, sich immer stärker abzukapseln und am Schluss den Kontakt sogar ganz verweigerte. Auf der Suche nach Hilfe in dieser Situation ist Annemarie ständig angestossen. «Man sagte mir, ich solle mich abgrenzen und meinen Sohn in Ruhe lassen. Das zu hören, war grausam.» Sie hatte ständig das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das ist mehr als zehn Jahre her.

Ihr Gefühl damals war nicht falsch. Ihr Sohn war in einer Klinik. Die Ärzte hatten bei ihm Schizophrenie diagnostiziert. Dass Annemarie davon erfahren hat, verdankt sie einem Zufall. Denn für die Ärzte gilt die Schweigepflicht. Sie dürfen Angehörige nicht informieren, wenn dies die betroffene Person nicht möchte. Als Annemarie damals in der Klinik anrief, bekam sie denn auch keine weiteren Informationen. Erst als sie hinging und ihr Sohn sie sah, stimmte er zu, dass sie eingeweiht werden durfte.

Auf der Suche nach Verständnis

Am Anfang fiel es Annemarie schwer, mit der Krankheit umzugehen. «Ich hatte doch keine Ahnung von psychischen Krankheiten.» Sie fühlte sich alleine und hilflos. Als sie eine Ärztin ihres Sohnes auf eine Selbsthilfegruppe für Angehörige aufmerksam machte, änderte sich etwas. Zum ersten Mal traf sie Leute, die Ähnliches erleben. Mit ihnen konnte sie über ihre Gefühle sprechen. «Ich war so froh, weil ich merkte, dass ich nicht mehr alleine im Nichts schwimme.» Sie hat Halt gefunden. Natürlich konnte sie schon vorher im Internet nach Informationen suchen, aber es sei ein grosser Unterschied, ob man einfach theoretisches Wissen abrufe oder sich wirklich austauschen könne und vor allem verstanden werde.
Annemarie ist überzeugt, dass es auch den Betroffenen hilft, wenn es den Angehörigen gut geht. Wenn psychisch kranke Menschen den Kontakt zu ihren Angehörigen abbrechen, dann liegt das in der Regel nicht an einer schlechten Beziehung zu Eltern oder Geschwistern. Der Rückzug sei vielmehr ein Symptom der Krankheit. «Dazu kommt, dass sich Betroffene schämen und ihr Leben alleine meistern möchten.»

Aus der Selbsthilfegruppe weiss Annemarie, dass es Betroffene belastet, wenn sie merken, dass es wichtigen Bezugspersonen wegen ihnen schlecht geht. Umso wichtiger sei es, dass die Angehörigen nicht vergessen werden: «Denn damit wir stark sein können, sind auch wir auf Unterstützung angewiesen.»

Was ist ein gutes Leben?

Neben der ständigen Sorge um das Kind, der Hilflosigkeit, nichts tun zu können und versagt zu haben, machten Annemarie ihre eigenen Vorstellungen von einem guten Leben zu schaffen: «Für sein Kind wünscht man sich ein glückliches Leben, Erfolg im Beruf, eine eigene Familie.» Davon wegzukommen und zu akzeptieren, dass das Leben auch mal einen anderen Weg einschlägt, sei schwierig. «Ich musste lernen, auf das zu fokussieren, was gut und möglich ist anstatt darauf, wie es sein sollte.» Im Moment gelinge ihr das gut. Sie hat regelmässig Kontakt mit ihrem Sohn. Die beiden haben eine Möglichkeit gefunden, wie sie mit der Krankheit umgehen können, damit es für beide stimmt.

Aber die Unbeständigkeit bleibe ein grosses Thema. «Sie ist das einzige Beständige», sagt Annemarie. Die Situation könne sich von einem Moment auf den anderen verändern. «Das habe ich natürlich im Hinterkopf, aber es darf mich nicht einschränken.» Zu lernen, die guten Momente einfach zu geniessen, brauche Zeit. «Es ist ein Prozess, der nie endgültig abgeschlossen ist.»

Annemarie pflegt einen offenen Umgang mit der Krankheit ihres Sohnes. Über ihre Gefühle spricht sie aber vor allem in der Selbsthilfegruppe für Angehörige: «Ich habe gemerkt, dass es mir nicht guttut, wenn ich mit Leuten spreche, die das nicht kennen.» Vor allem früher hatte sie sich in solchen Gruppen oder Gesprächen nicht zugehörig gefühlt. Wenn sie von Familien hörte, die zusammen feiern, einen anderen Umgang haben, das Leben führen, das gemeinhin als «normal» gilt, merkte sie, dass ihr Leben anders ist. Aber seit sie weiss, dass es anderen Angehörigen gleich geht, kann sie damit besser umgehen – und die schönen Momente geniessen.

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