BuchBasel

Das Lesen als Abenteuer - auf dem Wasser, im Dunkeln, zu Hause

Am Literaturfestival Basel können Leserinnen und Leser Literatur an ungewöhnlichen Orten erfahren, etwa auf einem Wassertaxi. Hier las unter anderen der Basler Autor Wolfgang Bortlik (Bild) Geschichten und Gedichte rund um den Rhein vor.

Am Literaturfestival Basel können Leserinnen und Leser Literatur an ungewöhnlichen Orten erfahren, etwa auf einem Wassertaxi. Hier las unter anderen der Basler Autor Wolfgang Bortlik (Bild) Geschichten und Gedichte rund um den Rhein vor.

Das internationale Literaturfestival überrascht mit originellen Orten für Autorenlesungen. In diesem Jahr lud das Literaturfestival zu Lesungen auf dem Wassertaxi ein.

Lesen auf der Fähre war letztes Jahr. Das diesjährige Literaturfestival lud zu Lesungen auf dem Wassertaxi ein. Das Lesen als Abenteuer, nicht mehr nur im Kopf. Ich stelle mir auf dem Weg zum Steg vor, wie den Zuhörerinnen das Haar im Fahrtwind flattert und dem Autor ein Manuskript entwischt. Literatur für die Möwen, die Äschen und den zurückkehrenden Lachs.

Das reale Rhytaxi ist inwendig ein mit Plastikplanen vor Wind und Regen abgeschotteter Raum – wie die Terrasse eines römischen Touristenlokals im Winter. Vier ältere Damen nehmen auf beiden Bankseiten eines Tisches Platz. Er freue sich, mit uns das Abenteuer einer Rheinfahrt zu geniessen, sagt Wolfgang Bortlik. Der Autor kennt sich aus mit Lesungen in Fahrzeugen: Auf der Fähre habe er schon gelesen, im Tram; nun also erstmals in einem Rheintaxi.

Es ist das ideale Lesetransportmittel für Bortlik. Seine Texte haben nicht nur Tempo, einige von ihnen spielen sogar am und im Rhein. Diese hat er heute mitgebracht. Seit 20 Jahren lebt Bortlik in Basel. Aufgewachsen ist der in München geborene allerdings im Aargau. Daher weiss er auch, was Nebel ist, richtiger Nebel. Sicher nicht die «paar weissen Schwaden», die «wie ziemlich durchgeistigte Gespenster über dem Rheinwasser schweben», wie er es in «Tanz auf dem Wasser» formuliert. Am Jurasüdfuss, «da ist im Herbst alles voll, weiss, wattig, wollig, still, tot, taub und stumm. Da bist du umfangen von undurchdringlich bleichem Nichts.»

In der Realität beginnt es zu regnen. Der Rhein ist schlammbraun. Am einen Ufer leuchtet das Riesenrad, am anderen der Riesenturm. Das Taxi tuckert so langsam, als ob es eine Fähre wäre. Nur das Vibrieren des Motors lässt den Unterschied spüren. Und der Geruch nach Benzin. Die Tochter des Autors betritt die Nebel-Erzählung: «Es sei lustig, wie der Rhein heute sei, so als ob Würstli in ihm gekocht würden.» Der Rheintaxifahrer schaut zurück und lächelt. Für ihn muss das sein wie Autoradio hören, aber live.

«Ich springe in den tiefen Rhein; Will eine Wasserleiche sein», trägt jetzt der Autor das Gedicht «Gesang eines Lebensmüden» vor. Der Benzingeruch wird stärker. Bei diesem trägen Tempo trägt ihn kein Fahrtwind weg, das Abgas sickert rein – und bleibt. Es wird mir allmählich übel, und auch der Autor sah schon frischer aus. Nimmt sein Gesicht eine lila Färbung ein? Dann wäre der Moment gekommen, an dem wir unser Leben nur noch durch einen Sprung ins Wasser retten könnten. Vor der Wettsteinbrücke dreht der Fahrer um. Fünf Minuten später sind wir am Steg. Land, Luft.

Im Dunkel der «Blinden Kuh»

Musste man im Rhytaxi überraschend auf Sauerstoff verzichten, so verzichtet man in der «Blinden Kuh» wenig überraschend auf Licht. Eine Lesung in völliger Dunkelheit. Auch dieser BuchBasel-Schauplatz ist neu. Das Publikum ist wieder eine Gruppe älterer Damen. Ein blinder Mann, dessen Namen ich mir nicht notieren kann, führt uns an seinen Schultern zu einem Tisch und zu je einem Stuhl. Fällt ein sonst dominierender Sinn weg, kommen die anderen umso besser zum Zug. Der Mann bringt uns etwas zu ertasten, zu erriechen und zu erschmecken. Zögerlich führe ich den Löffel an die Lippen; die Wendung «jemandem blind vertrauen» kommt mir in den Sinn.

Hier drin sieht man nicht einmal die eigene Hand vor Augen. Ich falle aus dem Raum und – endlich wird Einstein ein Quantum anschaulicher – aus der Zeit. Alles verschwimmt. Alain Claude Sulzers «Aus den Fugen» ist einer der Texte, aus dem Schauspielerin Claudia Jahn liest. Aus dem Nichts kommend klingen ihre Worte besonders klar, die Texte besonders gewichtig. Jeder Satz ersetzt uns die entschwundene Welt. Grönemeyers Liedtext «Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist» schwingt gleichwertig mit einem Auszug aus Prousts «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» im, für uns, leeren Raum.

Im Wohnzimmer

«There’s no place like home». Ichschlage dreimal die Hacken meiner roten Schuhe zusammen, schon sitze ich in der Stube auf einem Sofa. Es ist aber nicht meins, sondern Hans Georg Signers. Der Präsident von LiteraturBasel öffnet seine Wohnung für Lesungen.

«Mamihlapinatapai bedeutet: der Blick zwischen zwei Menschen, die wollen, dass der andere etwas in Gang setzt, was beide begehren, aber ohne den ersten Schritt zu wagen.» So beginnt Florian Leus Reportage über aussterbende Sprachen. Er hat in New Yorks Stadtteil Queens einen Linguisten beim Aufspüren von Sprachen begleitet, die vom Aussterben bedroht sind. Die Geschichte kann man nachlesen im Magazin «Reportagen», ein Hort für diese bedrohte journalistische Gattung. «Von der Brandung hin und her geworfen werden» bedeutet auf hawaiianisch dasselbe wie «verliebt sein»: «limilimi». Von Signers Balkon sieht man auf den Rhein.

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