Es war einmal im Kleinbasel. Da wurde in den Kinos noch geschossen und gebumst; gegessen, gesoffen, geraucht. Filme geschaut wurden auch. Am liebsten Krimis und Western. Oder, um Mitternacht, «Dracula mit seinen Fledermäusen».

Es gab das Royal beim Badischen Bahnhof, das Odeon in der Greifengasse, das Orient an der Klingentalstrasse, das Apollo in der Oberen Rebgasse, das Palace an der Unteren Rebgasse und das Clara am Claragraben, das früher Fata Morgana geheissen hatte.

Schiesserei im Kinosaal

Aber das berüchtigtste von allen Kleinbasler Kinos war das Union an der Klybeckstrasse. Hier, so wird kolportiert, schauten die Zuschauer anstatt auf die Leinwand manches Mal gebannter in die umgekehrte Richtung, nach hinten zur so genannten «Bumserloge», wo das knarzende Geländer so manches Pärchen verriet. Ebenfalls im Union soll während eines James-Bond-Films das Publikum nicht gemerkt haben, dass einer der Schüsse sehr real im Saal abgefeuert worden war – ins Gesäss eines Herrn Kalbermatten*.

Zunächst wechselten nur die Namen und die Besitzer, ab den 70er-Jahren begann das Kinosterben. Die Kunden blieben daheim. Weniger aus Angst vor Kugeln im Hintern. Vielmehr, weil die meisten ihre Hintern nun mit Vorliebe auf dem Stubensofa vor dem Fernseher platzierten. Und wer doch noch ins Kino ging, bevorzugte immer öfter die neueren, besser ausgerüsteten Kinos in Grossbasel. Nicht zuletzt fiel ein wichtiges Kleinbasler Publikumssegment allmählich weg: die italienischen Gastarbeiter. Das bekam besonders das auf Italo-Western spezialisierte Maxim an der Rebgasse 1 zu spüren.

Als das Italo-Kino sich gar nicht mehr rentierte, erfuhren drei Vorstandsmitglieder des Filmclubs «Le Bon Film» vor allen anderen von seinen Schliessungsabsichten. Bruno Jäggi, Filmkritiker der «Basler Nachrichten», Annelies Ruoss und Martin Girod schlugen zu. Denn der seit 1931 aktive Club hatte seine Filme lange genug unter widrigsten Umständen vorführen müssen. Mal da, mal dort. Zu schlechten Zeiten, zu schwierigen Konditionen. Stets in die Ecke gedrängt vom damals übermächtigen Kartell der kommerziellen Kinos und Verleiher.

Die Freunde des künstlerisch und historisch wertvollen Films wollten für diesen endlich ihren eigenen Orthaben. Im Maxim bekamen sie ihn nun zu bezahlbaren Konditionen: Die Verpächterin des Hauses, die Gesellschaft Gewerkschaftshaus, kam den Cinephilen mit dem Mietzins entgegen.

Als Kommunistennest verrufen

Vor genau 40 Jahren, am 7. Januar 1977, eröffnete das Camera mit Sergej Eisensteins «Panzerkreuzer Potemkin». Diese Filmwahl bestätigte viele Basler Bürgerinnen und Bürger in ihren Vorurteilen, es müsse sich bei diesem Kino um ein Kommunistennest handeln. Schliesslich befand es sich im Haus der Gewerkschafts-Gesellschaft. Dabei, betont Martin Girod, Mitbegründer und bis 1988 dessen Leiter, zeigte das Camera den russischen Klassiker nicht als politisches Statement, sondern weil zum ersten Mal die vollständige Fassung erhältlich geworden war. Und, bösen Zungen zum Trotz: Das Camera hat nie Subventionen von Väterchen Staat bezogen.

Pro forma strukturierten die Initianten das Kino sogar als Aktiengesellschaft, als Studiokino AG – 1988 ging diese über in die Kultkino AG. Wobei diese alternative AG zu Beginn eine reine «Konsumentenselbsthilfeorganisation» gewesen sei, wie es Girod einmal formuliert hat. Das Camera war nicht auf wirtschaftlichen, sondern auf künstlerischen Profit aus. Es beabsichtigte anspruchsvolle, interessante Filme zu zeigen – wenn möglich schweizweit als erstes.

Damit füllte das Camera eine Marktlücke. Das Studiokino gedieh und vermehrte sich. 1985 wurde es zum Duplex erweitert. Schon zuvor, 1979, eröffnete es einen zweiten Ableger in Grossbasel, das Atelier. Dieses ist seither von einem auf drei, auf heute fünf Säle zum Studio-Multiplex gewachsen. Zwischenzeitlich gehörten auch das Movie und das Club zur Kultkino AG – und mussten wieder schliessen. Dafür gibt es seit 1998 auch noch das artverwandte Stadtkino, die heutige Heimatstätte des Filmclubs «Le Bon Film».

Im Grunde keimte die komplette heutige Studiokinoszene Basels in einem Revolverkino auf. Zwei Setzlinge im Grossbasel haben heute ihren festen Platz, und die Mutterpflanze, das Camera, ist auch noch da. Allein auf weiter Flur. Denn – einmal abgesehen vom kleinen Neuen Kino, das sich als Filmclub versteht: Alle anderen Kleinbasler Kinos sind eingegangen. Allen anderen wurde das Lied vom Tod gespielt. Doch das Camera, das lebt noch!

Quellen: Dank an Martin Girod, der mich schon zu anderer Gelegenheit über das Camera informiert hat. Und Dank an Stefan Peter, Betreiber der Kinoliebhaberseite «Traumkino Basel».