Sek-Klasse

Das letzte Schuljahr: Es wird ernst für die Klasse 3d

Safiulla, 16. Irgendwann möchte er Polizist werden, vielleicht.

Safiulla, 16. Irgendwann möchte er Polizist werden, vielleicht.

Die «Schweiz am Wochenende» begleitet eine Sek-Klasse durchs letzte Schuljahr. Heute: Erwartungen und Ängste.

Etwas umständlich schält sich Safiulla, 16, aus seiner dicken Jacke und nimmt Platz auf dem Drehstuhl aus Holz. Er fährt sich über seine kurzen Haare, rückt den Hoodie zurecht und blickt seinem Gegenüber in die Augen. Sein Lehrer, Samuel Stirnimann, sitzt schräg vis-à-vis.

«Was denkst Du, besprechen wir in diesem Gespräch, Safiulla?»

«Keine Ahnung.» Safiulla blickt erwartungsvoll hoch.

«Es geht darum, herauszufinden, wo Du stehst und was wir noch erreichen können», sagt Stirnimann bedächtig.

Safiulla nickt. «Ah okay.»

Ob er denn einen Plan habe, will Stirnimann wissen. So genau habe er sich das noch nicht überlegt, sagt Safiulla, entweder kriegt er eine Lehrstelle, oder er gehe ins zehnte Schuljahr.

Es ist Ende Oktober und das letzte Schuljahr der Klasse 3d hat so richtig Fahrt aufgenommen. Die lockere Atmosphäre der ersten Schulwoche ist einem gewissen Ernst gewichen. Die Schüler der Sek St. Alban wissen, woran sie sind. Alle hatten sich viel vorgenommen, gute Noten, Arbeitsluft schnuppern, eine Lehrstelle oder den Zugang zu einer weiterführenden Schule sichern. Manche machen jetzt den Knopf auf. Manche Hoffnungen erfuhren mit den ersten Noten einen Dämpfer. Lehrer Stirnimann führt mit allen Schülern ein Gespräch zur Standortbestimmung. Noch vor Weihnachten naht der erste Schnitt für jene, die sich Chancen auf eine weitere Schulkarriere, etwa an der Fachmaturitätsschule (FMS) ausrechnen. «Um dort definitiv aufgenommen zu werden, braucht es im Zwischen- und Abschlusszeugnis je einen Schnitt von mindestens 4,5», sagt Stirnimann.

Dem Lehrer kommt die Aufgabe zu, die Balance zu wahren zwischen Ansporn und zu viel Belastung, Ehrgeiz und Enttäuschung. Manche der jungen Leute üben auf sich selbst grössten Druck aus. Wie etwa Akasya, die von Stirnimann ermahnt werden muss, nicht bis vier Uhr morgens über dem Stoff zu brüten, weil sie sonst übermüdet in den Unterricht kommt und die Prüfung in den Sand setzt. Das kann eben auch Pubertät sein: Lernen, bis zum Abwinken, weil man nicht weiss, was man dereinst mit sich anstellen soll. Einige Schüler stecken sich selber unrealistische Ziele, wie etwa, die FMS zu erreichen. «Oft geschieht das aus einer Unsicherheit heraus. Mit einer weiteren Schule wollen sie sich mehr Zeit kaufen, sich für eine Laufbahn zu entscheiden», sagt Stirnimann.

Für Safiulla kommt eine FMS kaum infrage, viel eher wird er ein zehntes Schuljahr einlegen. Seine Situation ist nicht einfach: Erst vor zwei Jahren kam er als Flüchtling aus Afghanistan in die Schweiz. Deswegen ist er auch etwas älter als seine Klassenkameraden. Er durchlief eine Einführungsklasse und nimmt seit einem Jahr am Regelunterricht teil. Ihm bleibt noch dieses Schuljahr, um den Anschluss zu finden. «Er hat eigentlich keine Zeit. Er muss funktionieren», sagt Stirnimann. «Es ist brutal.» Mitten in der Adoleszenz eine neue Existenz in der Fremde aufzubauen, ist eine riesige Herausforderung. Als Safiulla in der Schweiz ankam, sprach er nur Farsi, schrieb von rechts nach links. Inzwischen ist sein Deutsch mehr als passabel.

Französischunterricht hatte er bis heute allerdings nie und Mathe bereitet ihm grösste Mühen. Oft gibt er den Test nach einer Stunde ganz einfach leer ab. «Vom Engagement und seinen kognitiven Fähigkeiten her würde es Safiulla auch an eine FMS reichen», sagt Stirnimann. Doch den ganzen Stoff nachzuholen wird so eng, da wäre schon eine Zusage zu einer Lehrstelle bis Ende Schuljahr ein riesiger Erfolg. Er sei äusserst bemüht und dankbar. «Einmal hat er der Klasse gesagt, sie solle sich mehr auf den Unterricht konzentrieren. Er sagte: ‹Ihr wisst gar nicht, was Ihr hier habt.›»

Die ganze Palette der Gefühle ist sichtbar

Nicht alles lief rund in den vergangenen Wochen. Turbulent begann im September die Lagerwoche im Calanca-Tal. Am ersten Abend musste Stirnimann eingreifen. Es kam zu einem Konflikt. Als Reaktion schlug einer der Jungs mit der Faust ein Fenster kaputt. Er zerschnitt sich dabei die Hand; Stirnimann sass Stunden mit ihm in der Notaufnahme. Erst gegen drei Uhr morgens kehrten sie ins Lagerhaus zurück, der ausgelaugte Lehrer und ein reumütiger Schüler. «Danach hatten wir eine ruhige Woche», sagt Stirnimann vergnügt. In einer solchen Woche erlebt man schon einmal die ganze Palette der Gefühle.

Eine Zusage für eine Lehrstelle hat noch keine Schülerin und kein Schüler in der Tasche. Einige konnten dennoch schon erste Erfolge verbuchen. Darunter auch Lindi, den die «Schweiz am Wochenende» in der letzten Folge enger begleitete. Er absolviert derzeit eine Schnupperlehre im Detailhandel. Es ist sein Traumberuf. Stirnimann ist stolz auf seinen Schützling, der zu den Arbeitsamsten der Klasse gehört. «Lindi hat grosse Fähigkeiten im Umgang mit Menschen. Der Detailhandel ist das Richtige für ihn», konstatiert Stirnimann.

Für zwei Schüler sieht es düsterer aus. «Sie sind abstiegsgefährdet», sagt Stirnimann. Das bedeutet: Ihnen droht, vom aktuellen E-Zug in den schlechteren A-Zug zu fallen. Der Lehrer hat deshalb die Eltern zur Unterredung gebeten.

Ein Lebensentwurf in dreissig Minuten erarbeitet

Inzwischen ist das Gespräch zwischen Stirnimann und Safiulla fortgeschritten. Es geht darum, Ziele zu formulieren, die der Schüler dann unterschreiben muss.

«Was sind Deine weiteren Schritte?», fragt Stirnimann.

Safiulla schweigt.

«Willst Du bis Frühling eine Schnupperlehrstelle suchen? Wenn es ganz gut klappt, winkt sogar eine Lehrstelle.»

«Das wäre schön. In einigen Jahren würde ich vielleicht gerne als Polizist arbeiten.», sagt Safiulla verlegen.

«Polizist? Das ist ein guter Plan», sagt Stirnimann.

So schnell kann es gehen, einen Entwurf für die nächsten Jahre zu finden.

Im Fall von Safiulla dauerte es gerade einmal dreissig Minuten.

Meistgesehen

Artboard 1