Prostitution

Das Milieu drängt in Wohnquartiere

Im Rotlichtmilieu an der Ochsengasse nimmt die Zahl afrikanischer Prostituierter zu.

Im Rotlichtmilieu an der Ochsengasse nimmt die Zahl afrikanischer Prostituierter zu.

In Basel dehnt sich das Rotlichtmilieu aus. Die Anwohner sind besorgt. Restriktivere Gesetze könnten helfen.

«Es besteht eine riesige Differenz zwischen der Wahrnehmung der Anwohner und jener der Polizei.» Der Stadtentwickler Thomas Kessler verfolgt die fortschreitende Ausdehnung erotischer Etablissements in Basel sehr genau. Zusammen mit dem statistischen Amt führt er seit Längerem ein Monitoring durch. Neben Bordellen zählen auch Cabarets, Kontaktbars, Massagesalons oder Sauna-Clubs dazu.

Das Problem: Die Reibungspunkte mit Anwohnern nehmen zu, da sich immer mehr Etablissements mit ihren Prostituierten in Wohnquartieren niederlassen. Zuletzt geriet etwa die Amerbachstrasse im Matthäusquartier deswegen in die Schlagzeilen. Aber auch im Umfeld des Gundeldingerfelds entwickelte sich ein Hotspot. Nur der Strassenstrich bleibt grösstenteils auf die Ochsen- und Webergasse konzentriert, da dort die einzige offizielle Toleranzzone liegt.

Polizei sieht kein «Sündenbabel»

Während sich Anwohner durch den zunehmenden Suchverkehr oder den Lärm der Freier gestört fühlen, sieht die Kantonspolizei vorläufig keinen Handlungsbedarf. «Natürlich ist das für die Bevölkerung unangenehm, doch ein Sündenbabel ist beispielsweise die Amerbachstrasse wirklich nicht», sagt Klaus Mannhart. Der Sprecher der Basler Kantonspolizei und des Justiz- und Sicherheitsdepartements weist darauf hin, dass es dieses Jahr erst vier Lärmbeschwerden an der Amerbachstrasse gegeben habe – und nur zwei davon wegen dortiger Etablissements. Basel sei in Sachen Prostitution insgesamt ein eher ruhiges Pflaster und nicht mit den Verhältnissen in Zürich zu vergleichen. Auch genüge ein Blick in die Statistik, um festzustellen, dass die Prostitution in Basel gar nicht zunehme (siehe Tabelle).

«Die Haltung der Polizei überrascht mich nicht. Sie klammern sich an Zahlen und Statistiken und blenden den Graubereich aus», entgegnet die Juristin und SP-Grossrätin Ursula Metzger. Für sie sei klar: Nicht nur nehme die Ausbreitung in Wohnquartiere zu, sondern auch insgesamt kämen immer mehr Prostituierte nach Basel – vor allem aus Osteuropa und Afrika. «Der Konkurrenzdruck nimmt zu, das Klima auf der Gasse ist härter geworden», so Metzger. Wegen dieser Entwicklungen reicht sie einen Vorstoss ein, der im Dezember im Grossen Rat behandelt wird. Metzger bemängelt darin, dass dem Kanton ein Konzept zum künftigen Umgang mit der Prostitution fehle. Der Regierungsrat solle nun ein solches ausarbeiten.

Im Speziellen schwebt Metzger ein Konzept der Stadtentwicklung vor. Dieses solle festlegen, wo, wie und unter welchen Bedingungen die Prostitution in Basel ausgeübt und wie sie mit den Interessen der Wohnbevölkerung vereinbart werden könne. Das Problem: Es fehlen die gesetzlichen Grundlagen, um den Etablissements Standorte vorzuschreiben. «Das läuft unter Gewerbefreiheit», betont denn auch Mannhart. «Ich unterstütze diesen Vorstoss», hält Stadtentwickler Kessler dagegen. Die Belastung von Wohnquartieren durch das Milieu dürfe ein gewisses Mass nicht überschreiten. «Haben wir erst einmal Zürcher Verhältnisse, kann man es nicht mehr kontrollieren», mahnt er.

Bereits 2002 verfasste das Basler Büro für Angewandte Sozialforschung und Entwicklung ein Empfehlungsgutachten zum Thema «Rotlichtmilieu, Wohnquartiere und Stadtentwicklung». Dessen Erkenntnisse gelten laut Kessler auch heute noch: «Auf politischer Ebene muss man die Einschränkung der Gewerbefreiheit prüfen. Eine Alternative wäre auch, dass der Staat Bordelle ausserhalb der Wohnquartiere finanziert», wird der Stadtentwickler konkret. Dies könnte auch den Kampf gegen schlechte Arbeitsbedingungen der Prostituierten unterstützen.

Konkurrenzkampf drückt Preise

Diesen Kampf führen in Basel neben der Polizei mehrere Beratungsstellen, die auch auf der Gasse unterwegs sind und Entwicklungen direkt mitbekommen. Die wichtigsten sind Aliena, die Mitternachtsmission, die Aidshilfe, die Frauen-Oase sowie seit Juni auch der Verein Precious. «Das Basler Milieu ist hart, aber nicht unbedingt laut», sagt etwa Aliena-Leiterin Viky Eberhard. Der offiziellen Statistik traut sie deshalb nur bedingt: «Die Dunkelziffer dürfte klar höher als 300 liegen. Viele Prostituierte scheuen den Kontakt zur Polizei.» Eberhard stellt vor allem den Trend zu immer stärkerer Fluktuation fest: «Die meisten Frauen bleiben nur kurz und drücken die Preise, um schnell Geld zu machen. Das sorgt für eine aggressive Stimmung unter den Prostituierten.»

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