Da steht er also. Mit seinen schwarzen Hosen, die jeweils auf der Aussenseite einen weissen Streifen haben, seinen schwarzen, ins Gesicht fallenden Haarsträhnen, seinem schwarzen Hut, den er tief ins Gesicht gezogen, seinem weissen Shirt unter einem glitzernden, schwarzen Blazer, und natürlich den schwarzen Lackschuhen und den weissen Socken, die immer wieder hervorblitzen, wenn er zu seinen unverwechselbaren Tanzschritten ansetzt. Langsam zieht er die Füsse nach hinten, immer wieder, es scheint, als würde er über die Bühne schweben. Es ist das Markenzeichen des Megastars Michael Jackson: der Moonwalk.

Mit dieser Szene und dem Remix einer der berühmtesten Songs Michael Jacksons – «Billie Jean» - beginnt «Thriller – Live», die Show, die das Schaffen und das Wesen des Phänomens Michael Jacksons feiert und huldigt. Doch «Thriller» ist kein Musical wie jedes andere. Es ist vielmehr eine Show, schon fast ein Konzert, das ohne grossen Schnickschnack auskommt. Während in klassischen Musicals die gesprochenen Szenen einen wichtigen Teil einnehmen, wird bei «Thriller» grösstenteils darauf verzichtet. Eine kleine Erklärung hie und da reicht, um dem Publikum klar zu machen, in welcher Phase des Lebens von Jackson man sich gerade befindet. Der Fokus liegt voll und ganz auf seiner Kunst, auf diesem unnachahmlichen Talent, Tanz, Text und Ton in Perfektion zu vereinen.

Reise durch ein Künstlerleben

Seit dem 2. Januar 2009 und damit bereits seit fünf Monaten vor Jacksons tragischem Tod wird die Tribute-Show «Thriller – Live» ununterbrochen am Londoner West-End gezeigt und begeistert dort das Publikum. In fast chronologischer Aneinanderreihung von über 30 Songs aus Jacksons über 40-jähriger Karriere wird der Zuschauer von den Anfängen des erst siebenjährigen Michaels als Mitglied der «Jackson 5» – der Band, in der Michael mit vier seiner Brüder auf der Bühne stand – über die Motown-Zeiten, die Disco-Phase, seine ersten Solo-Songs bis hin zu seinen ganz grossen Erfolgen geführt.

Um diese Vielfalt des Genies Michael Jackson widerzuspiegeln – sowohl musikalisch, stilistisch aber auch äusserlich - bedarf es sechs Darstellern. Dazu gehören auch eine Frau und ein etwa siebenjähriger Junge. Letzterer schafft es, wie einst schon der kleine Michael, den Älteren einfach mal kurz die Show zu stehlen. Durch die verschiedenen Darsteller, die alle jeweils für einen musikalischen Stil und damit eine Phase in der Karriere Jacksons stehen, plus einem Dancing-Michael, bekommt der Zuschauer die ganze Breite seiner Werke aufgezeigt.

Sechs Darsteller für den einen

Doch diese Kombination aus sechs verschiedenen Personen zeigt auch, wie schwierig das Wesen Michael Jackson zu fassen war. Greifbar ist der Mensch Michael Jackson auch nach knapp zweieinhalbstündiger Show nicht. Doch das ist auch nicht das Ziel.

Vielmehr soll auch Jahre nach seinem Tod gezeigt werden, wie faszinierend der erfolgreichste Entertainer aller Zeiten war. Auch wenn niemand an ihn herankommen wird, sind die Performances der sechs Michaels und der zehn Tänzerinnen und Tänzer atemberaubend. Seine Hits werden so kraftvoll, stimmgewaltig, voluminös und emotional gesungen, wie sie auch im Original waren. Und die aussergewöhnlichen Tanzeinlagen sind so perfekt choreografiert, dass man das eine oder andere Mal meinen könnte, der «King of Pop» stehe höchstpersönlich auf der Bühne.

«Geboren, um zu singen»

Darauf, ihn abzubilden, wird bis auf eine Ausnahme verzichtet. Es soll nicht um ihn getrauert, sondern sein Talent gefeiert werden. Nichtsdestotrotz vereint «Thriller» die Magie Jacksons mit der Melancholie, die ihn sein Leben lang umgeben hat. So ist man während der Show immer wieder zwischen zwei Welten hin- und hergerissen. Ganz so, wie Jackson es in «She’s out of my life» gesungen hat: «Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll.» Es sind diese Balladen, die für absolute Gänsehaut sorgen und einem das Gefühl geben, Jackson und seine Aura noch ein Mal im selben Raum zu spüren. In diesen Momenten werden auch die Darsteller emotionaler, als man es sich von sonstigen Produktionen gewohnt ist. So wispert einer der Jackson-Darsteller mit beschlagener Stimme, dass Michael «geboren war, um zu singen, lebte, um zu entertainen und viel zu früh gestorben ist.» Doch das grösste Highlight sind nicht die Balladen und die damit hervorgerufenen Emotionen. Es sind die schnellen Nummern. «They don’t really care about us», «Bad», «Black or white» und «Thriller».

Tanzen gegen die Physik

Und vor allem «Smooth criminal». Es ist der einzige Song in der Show, in der die zwei berühmtesten Moves Jacksons und damit zwei der berühmtesten Tanzeinlagen der Geschichte gezeigt werden: der Anti-Gravitations-Trick und der Moon-Walk. Die tänzerische Präzision auf der Bühne lässt nur erahnen, wie lange diese einzigartigen Erkennungsmerkmale Jacksons einstudiert haben werden müssen. Dazu nur eine Zahl: 1500 Trainingsschuhe wurde bisher insgesamt für die Show verwendet – und verschlissen. Und dann ist da noch «Billie Jean». Zu diesem Song zeigte Jackson einst während einer sagenumwobenen Performance zum allerersten Mal seinen Moonwalk. So ist es nicht erstaunlich, dass bei diesem Lied der Dancing-Michael die Bühne für sich alleine hat. Und schleifenden Schritt um schleifenden Schritt über die Bretter schwebt.

Michael Jackson zeigte seinen letzte Moonwalk lange vor seinem Tod am 25. Juni 2009. Doch wenn der Dancing-Michael über die Bühne schwebt, erinnert man sich an Jacksons letzte Moves, als wären sie gestern gewesen. Und, als ob er höchstpersönlich und direkt vom Himmel auf die Bühne zurückgeschwebt wäre.