Veranstaltungen am Wochenende

Das Naturhistorische Museum Basel: Wo Totes lebendig werden soll

Alisa M. Hecke und Julian Rauter sprachen mit unzähligen Präparierenden über ihr Verhältnis zu ihrer Tätigkeit.

Alisa M. Hecke und Julian Rauter sprachen mit unzähligen Präparierenden über ihr Verhältnis zu ihrer Tätigkeit.

Präparatoren gewähren im Naturhistorischen Museum Basel Einblick in einen Beruf, der irgendwo zwischen Handwerk und Kunst schwebt.

«Landläufig heisst es Ausstopfen, aber eigentlich ist es Kunst.» Diese Menschen schaffen Werke, die von unzähligen Leuten jahrelang bestaunt werden. Die Rede ist von Präparatorinnen und Präparatoren, die Tierkörper für die Nachwelt erhalten, das Zitat stammt von der Theatermacherin Alisa M. Hecke. Sie bespielt seit gestern einen Teil des Naturhistorischen Museums Basel mit ihrem Kollegen Julian Rauter.

Gemeinsam geben sie Einblick in eine Tätigkeit, die kunstvoller ist, als sie vielleicht zu sein scheint.
Angefangen hat die Recherche der beiden Theaterschaffenden vor etwa drei Jahren in der Präparationssammlung eines Museums.

Sie waren fasziniert von der Gratwanderung zwischen Leben und Tod, welche die Präparierenden bei jedem Werk von neuem bestreiten: Obwohl die Tiere tot sind, sollen sie eine möglichst starke Lebendigkeit ausstrahlen. Nicht viel anders als im Theater, wo fingierte Geschichten und Personen real werden sollen, fanden die beiden Kunstschaffenden und machten sich auf eine Tour durch die Museen Deutschlands und der Schweiz.

Die Kunst, die von persönlichen Handschriften nichts wissen will

An die Arbeit machten sich Hecke und Rauter mit einer These: «Die Tierpräparation ist eine Kulturpraxis, die versucht, sich dem Verfall und dem Vergessen zu widersetzen.» Bestätigt hat sich diese schnell; unterstrichen wird sie auch in der Aussage einer Präparatorin aus Düdingen: «Wir wollen alles, alles erhalten – nicht für ein Leben danach, aber für die Zukunft.» Die Präparate seien aber nicht nur Objekte der Erinnerung, sie stünden gleichsam für den Verlust, wie Rauter betont. Auch in Basel seien jetzt schon ausgestorbene Tierarten zu sehen, es stelle sich nur die Frage: Welche anderen Arten werden in Zukunft ebenfalls nur noch als ausgestopfte Erinnerungen existieren?

Das sind Fragen, die sich Alwin Probst, Chefpräparator im Naturhistorischen Museum, während des Arbeitens nicht stellt. Dann zähle nämlich vor allem eines: Das Präparat müsse so realistisch aussehen wie möglich. Dies ist es auch, was jene Kunstform so speziell macht. Gefragt sind keine persönlichen Handschriften oder das schönste Modell, es zählt einzig die möglichst exakte Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Doch an die Perfektion komme niemand heran.

Deshalb würde Probst es auch nie wagen, ein ganz bestimmtes Tier wie etwa eine Hauskatze zu präparieren: «Ein Bauer kann jede einzelne seiner Kühe unterscheiden», sagt er. Aber für jemanden, der diese Tiere nicht tagein, tagaus sehe, sei dies unmöglich: «Dafür haben wir Menschen einfach den Blick nicht.»

Präparierte Tiere als Zeugen des Zeitgeistes

So klar das Ideal der Präparierenden ist, so verschieden sind die Wahrnehmungen. An Präparaten lasse sich auch immer das Verhältnis zwischen den Tieren und den Menschen der jeweiligen Zeit ablesen, erzählt Probst. So seien früher Adler in möglichst furchteinflössender Haltung dargestellt worden: «Als wollten sie gleich ein Baby fressen», schmunzelt der Präparator.

Und diese so vermittelten Bilder hätten natürlich wiederum einen Einfluss auf die Vorstellungen, welche die Menschen sich von diesen Tieren machen: «Unser Höhlenbär in Basel ist wohl für eine gesamte Basler Generation das Sinnbild schlechthin für diese Art», so Probst.

Nach all den Interviews, die Hecke und Rauter für ihre Audioinstallation mit unzähligen Präparierenden über ihr persönliches Verhältnis zu ihrer Tätigkeit geführt haben, sind sie schon fast selbst Expertin und Experte: «Manchmal unterhalten wir uns jetzt in Präparatorzitaten», sagt Hecke und lacht.

Audioinstallation L/Imitation of Life

Ab Freitag, 25.9.2020, bis Sonntag, 29.11.2020, dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr, Eintritt ab fünf Franken, Naturhistorisches Museum Basel

www.nmbs.ch

Die Veranstaltungstipps der bz-Redaktion

Ludwig Tieck, Des Lebens Überfluss

Ludwig Tieck, Des Lebens Überfluss

Kulturfestival auf dem Dreispitz

Kulturfestival auf dem Dreispitz

Kulturscheune zu Gast bei Bruder Klaus

Kulturscheune zu Gast bei Bruder Klaus

Läufelfinger Gips-Union

Läufelfinger Gips-Union

Carlos Martínez

Carlos Martínez

Literaturspur

Literaturspur

Der grosse Marsch

Der grosse Marsch

«Räumliche Transparenz»

«Räumliche Transparenz»

Barfüsserkirche

Barfüsserkirche

Exotic Sissach

Exotic Sissach

Meistgesehen

Artboard 1