Leiser hat sich noch kein neues Medium ans Licht der Öffentlichkeit gewagt. Lediglich auf Social-Media-Kanälen kursiert bisher die Ausschreibung für ein Podiumsgespräch pünktlich zum Schulbeginn. Das Thema lautet «Dumme Kinder, schlechte Schulen?».

Eine bisher unbekannte Organisation veranstaltet die Bildungsdiskussion in der Markthalle. Sie heisst «Bajour», wie der Ausschreibung zu entnehmen ist. Auf dem «j» balanciert ein kleines Herzchen, das von Wellen durchbrochen ist – «Bajour» ist der Name des neuen Basler Online-Mediums, das aus den Trümmern der «Tageswoche» erwächst.

Online wird «Bajour» allerdings auch am Tag des Podiums nicht sein. Matthias Zehnder, einer der strategischen Köpfe des Mediums sagt, «die Website ist noch nicht fertig». Aufgeschaltet wird sie, wenn sie fertig ist, einen Termin gibt es dazu nicht. Zehnder sagt: «Wir wollen jede Form von Ankündigung vermeiden, die wir nicht einhalten können.» Oder pointierter in seinen Worten: «Wir wollen nicht in die ‹Republik›-Falle tappen.» Das Zürcher Projekt hat sich selbst unter Zugzwang gesetzt.

«Bajour» ist ein Produkt im Entstehen. Die Redaktion ist zum grösseren Teil angeheuert, aber erst Andrea Fopp ist schon an der Arbeit. Ebenfalls engagiert sind Martina Rutschmann, Naomi Gregoris, Daniel Faulhaber und Samuel Hufschmid; die Mehrheit von ihnen ist der Leserschaft als bz-Journalisten bekannt. Zwei Positionen seien noch zu besetzen. Die Geschäftsführung übernimmt Sabrina Oberländer, die zuletzt für die Muba arbeitete. Valentin Ismail organisiert die Veranstaltungen.

Die Frauenmehrheit habe sich ergeben, sagt Zehnder: «Wir wollen keinen Gorillajournalismus, und das führt in der Tendenz zu mehr Frauen auf der Redaktion.»

Auf der Suche nach der Gemeinnützigkeit

So weiblich die Redaktion, so männlich ist der Überbau. Denker und Lenker ist neben dem Publizisten Zehnder der Medienunternehmer Hansi Voigt. Dritter im Verwaltungsrat der noch zu gründenden Trägerfirma wird der Anwalt Manuel Bertschi. Er stammt aus dem Umfeld des «Rettet-Basel»-Aktivisten Guy Krneta und präsidiert den Verein «Medienzukunft Basel». Dieser wird die Aktien der Firma halten.

Die Firma ist im Handelsregister noch nicht eingetragen. Denn die Initianten wollen eine gemeinnützige Aktiengesellschaft gründen. Die Steuerverwaltung Basel-Stadt hat jedoch ein Gesuch abgelehnt. Erst der Fondation Beyeler, dem Zoologischen Garten sowie dem Kunstsammler Erich Marx wurde bisher ein solcher Status zugestanden.

Eine AG, so die Basler Maxime, soll steuerlich grundsätzlich als gewinnorientiert behandelt werden; gemeinnützige und damit steuerbefreite Organisationen sollen sich als Stiftungen oder als Vereine organisieren.

«Bajour»-Anwalt Bertschi wird nun im Landkanton vorstellig, ob dessen Behörden den Sonderstatus bewilligen. Die Baselbieter Steuerverwaltung hat sich bisher allerdings noch kritischer zu solchen Ideen geäussert als die Städter. Als Ausweg, so Zehnder, könne das Medium immer noch als Stiftung eingetragen werden.

«Bajour» erhält für drei Jahre zunächst je eine Million Franken von der Basler Stiftung Medienvielfalt. Diese hat die Millionen wiederum von der Basler Stiftung Levedo, die schliesslich von der «Tageswoche»-Mäzenin Beatrice Oeri alimentiert wurde.

Nach drei Jahren zahlt die Stiftung Medienvielfalt weiterhin eine Million Franken, doch nur wenn mindestens der gleiche Betrag über Drittquellen erwirtschaftet wird. Wird weniger Geld eingeworben, sinkt auch der Beitrag der Stiftung.

Es sei dies «ein gutes Anreizmodell», sagt Zehnder. Es biete eine gute Ausgangslage, baue aber auch einen «Erfolgsdruck» auf. «Bajour» setzt auf Vereinsmitglieder, aber auch auf Partnerschaften. Wir suchen «qualitative Deals», sagt Zehnder. Auf reine Werbung werde verzichtet.

Das Hoffen auf staatliche Subventionen

Zumindest Hansi Voigt hat noch eine zusätzliche Finanzierungsquelle im Hinterkopf. Er ist auch Initiant der Plattform «wepublish». Diese soll es kleineren Medienunternehmen aber auch einzelnen Journalisten ermöglichen, kostengünstig ihre Beiträge einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Voigt hat für dieses Konzept eines Open-Source-Netzwerksprominente Fürsprecher in der Eidgenössischen Medienkommission gefunden. Damit kann er sich für seine inhaltsneutrale Plattform Chancen ausrechnen, in einigen Jahren staatliche Subventionen empfangen zu können.

«Bajour» hat für «wepublish» den Status eines Pilotpartners. Schweizweit ist derzeit ein Artikelaustausch mit der linken Wochenzeitung «Woz», dem Zürcher Onlineportal «tsüri.ch» sowie mit «higgs.ch», einer Plattform für Wissenschaftsjournalismus, aufgezogen. Regional will «Bajour» mit der «Programmzeitung» sowie dem FCB-Fanmagazin «Rotblau» kooperieren.

Im Monatsrhythmus sollen nach der Schuldebatte weitere Veranstaltungen folgen. Ist das Medium auch online, werden diese journalistisch vor- und nachbereitet. Das publizistische Konzept hat derzeit erst drei Worte: «Debatte, Übersicht, Hintergrund.» Was «Bajour» nicht sein will, weiss Zehnder allerdings präzise: «kein Nachrichtenmedium».