Basel
Das neue Gesicht des Widerstands gegen das Hooligan-Konkordat

SP-Politikerin Kerstin Wenk erhält erstmals nationale Aufmerksamkeit – und will ins Berner Bundeshaus einziehen. Ein Portrait über die Frau, die nicht als Hinterbänklerin geboren wurde.

Valentin Kressler
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Ihr Lieblingsspieler ist Valentin Stocker: Hooligan-Konkordat-Gegnerin Kerstin Wenk vor dem FCB-Fanshop beim St. Jakob-Park.

Ihr Lieblingsspieler ist Valentin Stocker: Hooligan-Konkordat-Gegnerin Kerstin Wenk vor dem FCB-Fanshop beim St. Jakob-Park.

Nicole Nars-zimmer

Anfang Woche klingelte bei Kerstin Wenk (42) das Telefon ununterbrochen. Regionale, aber auch nationale Medien wollten von der Basler SP-Grossrätin wissen, was sie von Mario Fehrs Einmischung hält. Der Zürcher SP-Regierungsrat setzte am Wochenende die Basler Politiker unter Druck, nachdem sein Kanton dem Hooligan-Konkordat mit 85 Prozent Ja-Stimmen zugestimmt hatte. Fehr forderte von den Baslern, die Vorlage nicht im Parlament zu versenken, sondern ebenfalls das Volk entscheiden zu lassen.

Einer Forderung, der Wenk auch mit ein paar Tagen Distanz überhaupt nichts abgewinnen kann. Fehrs Aussagen seien «kontraproduktiv» und eine «zusätzliche Motivation für uns», sagt sie. Während ein Kanton nach dem anderen das Konkordat gutheisst, wird in Basel der Widerstand gegen schärfere Massnahmen gegen Gewalt bei Sportveranstaltungen immer grösser. Bereits haben sich 56 Grossräte – eine Mehrheit des Parlaments – einem überparteilichen Komitee angeschlossen.

Wenk ist das neue Gesicht dieses Widerstands. Im April hat sie Grossrat Tobit Schäfer (SP) in dieser Funktion abgelöst. Nachdem das Komitee gegen das Hooligan-Konkordat auf das Baselbiet ausgedehnt wurde, zog sich Schäfer aus dem Co-Präsidium zurück, das nun Wenk – assistiert vom Baselbieter Landrat Balz Stückelberger (FDP) – anführt. «So sind beide Kantone und beide Geschlechter vertreten», sagt Schäfer.

Viele Komitee-Mitglieder sind selbst Anhänger des FC Basel – auch Wenk. Sie hat eine Jahreskarte im St. Jakob-Park und geht regelmässig an die Heimspiele des FCB. «Fussball ist eine spannende, emotionale Sportart und hat in Basel eine Kultur», sagt sie. Zu dieser Kultur gehören für Wenk auch Pyro-Fackeln. Ihr Lieblingsspieler ist Flügelflitzer Valentin Stocker. «Weil er gut spielt und sehr hartnäckig ist.»

So fand Wenk den Weg in die Politik

Hartnäckigkeit – eine Eigenschaft, die Politikerkollegen auch Wenk attestieren. Mit dem Kampf gegen das Hooligan-Konkordat steht sie, die 2011 für Nationalrat Beat Jans in den Grossen Rat nachgerückt ist, nun aber erstmals im nationalen Rampenlicht. «Im Parlament ist sie bisher noch nicht gross aufgefallen», sagt LDP-Grossrat André Auderset, der mit ihr zwei Jahre in der Justiz-, Sicherheits- und Sportkommission sass. Wenk ist daran, sich zu etablieren. Im Februar ist sie in die einflussreichere Geschäftsprüfungskommission aufgestiegen, Anfang Monat wurde sie in den Fraktionsvorstand gewählt. «Sie befindet sich in einem Aufwärtstrend», sagt Schäfer. Die spontan auftretende Wenk scheut nicht davor zurück, sich zu exponieren. Als eine der ersten Politikerinnen neben den Grünliberalen reichte sie Anfang 2012 einen Vorstoss zur Basler Kantonalbank ein.

Wenk, die eine Lehre als Hochbauzeichnerin und eine Ausbildung zur soziokulturellen Animatorin absolvierte, ist heute als Geschäftsleiterin der Fachstelle für Freiwilligenarbeit im Kanton Aargau tätig. Künftig setzt sie ganz auf die Karte Politik. Anfang August tritt sie die Nachfolge von Basta-Grossrätin Heidi Mück als politische Sekretärin der Staatspersonal-Gewerkschaft VPOD an. Nicht zu ihrem Aufgabengebiet zählen wird das Sportamt. Ihr Ehemann Peter Howald leitet diese Abteilung.

Einen Namen gemacht hat sich Wenk in Basel in erster Linie als Wirtin des Restaurants Valentino’s Place und der Bar Alpenblick im Kleinbasel. Ende 2006 gab sie die beiden Lokale, die sich vor allem bei einem jugendlichen Publikum grosser Beliebtheit erfreuten, nach acht Jahren ab. Über ihre Tätigkeit in der Gastro-Szene fand sie den Weg in die Politik. Als frühere Präsidentin des Vereins Kultur und Gastronomie wehrte sie sich gegen das neue, restriktivere Gastgewerbegesetz, das 2005 vom Volk angenommen wurde. Sie ist auch im Komitee Kulturstadt Jetzt dabei.

Darum wird sie von Kollegen geschätzt

Kuppel-Programmchefin Stefanie Klär, die Wenk schon lange kennt, sagt, sie sei keine Träumerin, sondern äusserst pragmatisch und lasse sich von Problemen nicht ins Bockshorn jagen. «Ich schätze sie für ihre klare und direkte Art.» FDP-Präsident Daniel Stolz sagt, sie sei bodenständig, undogmatisch und fair. «Mit ihr trinkt man auch gerne ein Bier oder Glas Wein.»

Im Basler Rathaus gilt Wenk als Politikerin mit Ambitionen. Bereits 2010 wurde sie als Nachfolgerin von SP-Präsident Martin Lüchinger gehandelt, den gewisse Parteiexponenten damals wegen seines zurückhaltenden Politstils auswechseln wollten.

«Sie ist nicht zur Hinterbänklerin geboren. Sie hat einen gewissen Ehrgeiz, und das ist auch gut so», sagt der liberale Auderset. Auch Wenk selbst, die nicht als grosse Taktiererin gilt, sieht sich nicht als Hinterbänklerin. Diesen Frühling hat sie eine Weiterbildung für Politik an der Hochschule St. Gallen abgeschlossen – und kündigt nun selbstbewusst an: «Ein Nationalratsmandat würde mich interessieren.» Der Kampf gegen das Hooligan-Konkordat wird ihr helfen, dieses Ziel zu erreichen.