313 Baslerinnen und Basler sind in den letzten sechs Monaten im Kantonsblatt erschienen, weil sie betrieben worden sind – mit vollem Namen, Geburtsdatum und Adresse. Dazu Informationen darüber, wem sie wie viel Geld schulden und weshalb. Diese heiklen Einträge sollen ab 2018 online frei zugänglich gemacht werden, wie die bz gestern berichtete.

Was das bedeuten kann, zeigt eine Datenauswertung der letzten 25 Ausgaben des Kantonsblatts mittels eines Computerprogramms. Das simple, innert weniger Minuten erstellte Programm spuckte beispielsweise die Liste obengenannter Personen aus. Im Gegensatz zu den Behörden verzichtet die bz darauf, sie namentlich zu nennen. Zwei Schicksale hinter den Einträgen aber zeigen, wie problematisch eine Veröffentlichung sein kann.

Junge Mutter sorgt sich um ihr Kind

Da wäre beispielsweise eine junge Mutter, die von der Sozialhilfe unterstützt wird. Sie hat gemäss Kantonsblatt ihre Krankenkassenprämie nicht bezahlt und sagt, dass sie davon ausgegangen sei, dass die Sozialhilfe diese Rechnung direkt überweise. Zu den finanziellen Sorgen kommt nun noch die Angst, dass dieser Eintrag ab 2018 frei im Internet verfügbar sein könnte und dass beispielsweise die Eltern der Klassenkameraden ihres Mädchens via Suchmaschine herausfinden, dass sie betrieben worden ist. «Das geht doch nicht, dass man für so etwas öffentlich blossgestellt wird. Und schon gar nicht, dass mein Kind in ein schlechtes Licht gestellt wird», sagt sie. Eine andere Person auf der Liste lebt seit längerer Zeit im benachbarten Ausland. Der junge Mann wusste nichts von seiner Betreibung. «Ich wohne schon lange nicht mehr in Basel und muss mich unbedingt darum kümmern», schreibt er.

Dass sich die Datenanalyse auf die letzten 25 Ausgaben beschränkt, hat damit zu tun, dass die personenbezogenen Einträge bisher nach sechs Monaten vom Netz genommen werden. Ab 2018 wird dies nicht mehr möglich sein, weil gemäss des neuen Publikationsgesetzes die Online-Ausgabe als primäre Quelle gilt und entsprechend auch eine Archivfunktion zu erfüllen hat. Einmal publizierte Einträge müssen dadurch bestehen bleiben, selbst wenn die Forderung beispielsweise wegen Verjährung nicht mehr im Betreibungsregisterauszug aufgeführt wird. Umso erschreckender ist, dass bereits diese 25 Ausgaben ausreichen, um beispielsweise mittels der Adressen eine Karte der Basler Problemquartiere und -strassen zu erstellen. In der nicht-publizierten Version besteht die Karte aus einzelnen Punkten, die den genauen Adressen zugeordnet sind. In der Häufigkeitsverteilung erscheinen die Problemzonen im Kleinbasel, rund um den Voltaplatz und in Teilen des Gundeli rot – in Riehen und vor allem auf dem Bruderholz hingegen kommen öffentliche Betreibungsbekanntmachungen kaum respektive nicht vor.

Viele Junge sind betroffen

Weil zur genaueren Identifikation der Personen auch das Geburtsdatum inklusive Jahrgang im Kantonsblatt veröffentlicht wird, kann auch eine Aufteilung in Altersgruppen gemacht werden. Und diese zeigt, wie delikat die Veröffentlichungen sind: Fast die Hälfte der Betreibungen in den letzten sechs Monaten ging an Personen unter 40 Jahren, über 100 an unter 30-Jährige. Diese haben ihre ganze berufliche Laufbahn noch vor sich. Was, wenn ein Arbeitgeber oder Vermieter solche Einträge sieht, fragte sich bereits in der gestrigen bz-Ausgabe Basta-Grossrat Beat Leuthardt. Von allen Fraktionsangehörigen war er der Einzige, der den Plänen der Regierung nicht zugestimmt, sondern sich enthalten hatte.

Die bz hat weitere Personen identifiziert und kontaktiert, jedoch noch nichts von ihnen gehört. Doch die Liste der Identifizierten zeigt: Unter ihnen hat es längst nicht nur Aussteiger, Sozialhilfeempfänger und Randständige, sondern auch Freunde von Freunden (gemäss Facebook), Studenten und Mitarbeiter grosser Firmen.