Die Nachtigall, die Europäische Sumpfschildkröte und der Atlantische Lachs bilden in der «Petite Camargue Alsacienne» in Saint-Louis eine Schicksalsgemeinschaft. Alle drei sind gefährdete Arten und werden in der binationalen Forschungsstation der Unis Basel und Strassburg gehegt und gepflegt.

«Die Sumpfschildkröte war einst in ganz Europa heimisch, ist aber fast überall verschwunden», erklärt Valentin Amrhein. Er ist Dozent am Zoologischen Institut der Uni Basel und Leiter der Station. 15 Schildkrötenweibchen und sieben Männchen sorgen jetzt in Saint-Louis für Nachwuchs. Dutzende winzige Schildkröten scharren und kratzen mit ihren Krallen in den grauen Kisten. Jean-Yves Georges aus Strassburg zieht die Kriechtiere in der Forschungsstation auf, bis sie gross genug sind für die Auswilderung. Dann entlässt er sie in die Sümpfe von Lauterbourg im Nordelsass bei Karlsruhe.

In den Sümpfen der Petite Camargue trifft man eher auf die Amerikanische Rotwangenschildkröte, die unbedachte Haustierbesitzer in die freie Wildbahn ausgesetzt haben. Das Schwemmland am Rhein bei Saint-Louis wurde 1982 zum ersten Naturschutzgebiet im Elsass erklärt – mit 120 Hektar Fläche. Heute umfasst das Schutzgebiet 904 Hektar und ist damit halb so gross wie die Stadt Basel. Zusammen mit der renaturierten Rheininsel ist es ein Reservat für empfindliche Tier- und Pflanzenarten der Rheinauen.

Auf Befehl des Kaisers

1854 wurde hier auf das Geheiss von Kaiser Napoleon III. die «Pisciculture Impériale de Huningue» gegründet. Die kaiserliche Fischzucht züchtet seither Lachse und andere Speisefische zur Wiederansiedlung in Flüssen in aller Welt und im Rhein. Im 20. Jahrhundert verlor die Anlage an Bedeutung. Anfang der 80er-Jahre waren die Gebäude der Fischzucht baufällig. «Es gab absurde Pläne, was man mit dem Sumpfgebiet machen sollte», sagt Amrhein. Eine Müllkippe oder die Überbauung zu einem Ferienparadies zählten dazu. Nach der Katastrophe von Schweizerhalle 1986 veränderte sich der Blick auf die Wildnis am Rhein. Unter anderem wurde der Trägerverein «Association Suisse Pro Petite Camargue Alsacienne» gegründet.

Unter der Federführung von Heinz Durrer, dem ehemaligen Professor für Medizinische Biologie und Amphibienspezialisten aus Oberwil, wurde 1989 die Forschungsstation der Uni Basel angegliedert. «Die Petite Camargue ist ein Juwel vor den Toren Basels. Es ist ein Privileg, das geniessen und erforschen zu können», sagt Amrhein. Er stammt ursprünglich aus Bonn und kam für sein Studium nach Basel.

Im zweiten Jahr seines Studiums zog er in ein Wärterhäuschen in die Petite Camargue. Es gab kein fliessendes Wasser, kein Telefon und nur einen Holzofen. «Wir haben abends mit Kanistern an den öffentlichen Brunnen in Basel Trinkwasser abgezapft.»

Es war die Nachtigall

Amrhein hat bei Heinz Durrer doktoriert – über die Nachtigall. Anders als im Basler Nachtigallenwäldchen fühlt sich der seltene Vogel in der Petite Camargue pudelwohl. Nachtigallen sind Bodenbrüter und brauchen wilde Büsche und Krautsäume, am besten Brennnesseln. In beiden Basel ist der Vogel nahezu verschwunden. «Wenn Sie jetzt von Basel her über die Grenze kommen, hören Sie sofort sehr viele Nachtigallen.»

Das hänge damit zusammen, dass in Frankreich nicht alles so perfekt aufgeräumt sei. Anders als in Basel würde hier nicht jede Böschung und jedes Gebüsch bodennah abgemäht. Zwischen dem 20. April und Ende Mai ist die beste Zeit für Liebhaber des Nachtigallengesangs.

Schlafraubender Gesang

Die Männchen kehren nachts alleine aus dem Winterquartier in Westafrika zurück und singen häufig auf genau dem gleichen Ast wie im vergangenen Jahr. Sie stecken ihr Revier ab, einige Tage später folgen die Weibchen nach. Dann singen die Junggesellen um die Wette, oft die ganze Nacht. «Die Nachtigallen sind unheimlich laut», sagt Amrhein. Sie können einem den Schlaf rauben. Ihr Name bedeutet nichts anderes, als «die in der Nacht singen».

Sie singen mit bis zu 90 Dezibel. «Nach der europäischen Lärmschutzrichtlinie ist diese Lautstärke am Arbeitsplatz verboten. Die Männchen können sich über 500 Meter miteinander unterhalten. Das Quatschen macht ihnen Spass», erklärt Amrhein. Die Weibchen hören zu und wählen jenen mit der schönsten Stimme für sich aus.

In der Überlieferung ist die Nachtigall eine Heilsbringerin, ihr Gesang gilt als schmerzlindernd, sie kündigt den Frühling an und ist der Vogel der Liebenden. Als der morgendliche Abschied drohte, flüsterte schon Shakespeares Julia in Romeos Ohr: «Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang.» Wer sich nach diesem durchdringenden Gesang sehnt, hat jetzt die beste Chance, ihn zu vernehmen.

Die Petite Camargue ist mit dem TER ab dem Elsässer Bahnhof bis St- Louis-la-Chaussée und dann zu Fuss über die Rue de la Barrière/Rue de l’Aéroport erreichbar, oder mit dem Distribus ab Schifflände. Mehr Informationen unter: www.petitecamarguealsacienne.com.