Wochenkommentar
Das Paradox der Unabhängigkeit

Kommt es zur Verlobung zwischen Basel-Stadt und Baselland? Die Chancen, dass sich die Kantone das vorläufige Ja-Wort geben, stehen eher schlecht. Der Wochenkommentar über die beiden Basel, die Schweiz und andere Abhängigkeit.

Matthias Zehnder
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Kommt es zur Verlobung der beiden Basel?

Kommt es zur Verlobung der beiden Basel?

Martin Töngi

Am Sonntag erfahren wir, ob es zur Verlobung zwischen Basel-Stadt und Baselland kommt. Die Chancen, dass sich die beiden Kantone das vorläufige Ja-Wort geben, stehen eher schlecht.

Das haben auch und gerade die Diskussionen gezeigt, die in den letzten Wochen in unserer Zeitung stattgefunden haben. Seitens der Gegner ging es dabei auffällig oft um Begriffe wie Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Eigenständigkeit.

Es sind Begriffe, die auch auf die Schweiz oft und gerne angewendet werden. Auch international haben sie Konjunktur, nicht nur in Schottland.

2013 gab es in mehr als hundert Ländern Unabhängigkeitsbewegungen – offenbar sind 192 Staaten nicht genug für die Selbstbestimmung der Menschen auf der Welt.

Schon beim Rütlischwur ging es nicht um Unabhängigkeit

Inbegriff der Vorstellung von Unabhängigkeit in der Schweiz ist der Rütlischwur von 1291: Die drei Alten Orte schwören auf ihre Unabhängigkeit. Friedrich Schiller hat im Tell-Drama den Schwur und den darauf folgenden Tyrannenmord kongenial dargestellt: Die Vorväter haben sich der fremden Herrscher entledigt, um unabhängig zu sein. Ein schönes Bild. Bloss leider falsch.

Die drei Alten Orte haben sich keineswegs gegen fremde Herren gewehrt, sondern sich im Gegenteil bis Mitte des 16. Jahrhunderts explizit dem Kaiser unterstellt und sich als Teil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation empfunden. Die vielen Reichsadler in der Schweiz – in Basel im Rathaus, in Genf sogar im Wappen – zeugen bis heute davon. Der Schwur richtete sich nicht gegen Habsburg, er besiegelte in erster Linie die Zusammenarbeit zwischen drei Talschaften. Man versicherte sich gegenseitige Unterstützung «zu ihrem besseren Schutz» und gelobte, «einander Beistand, Rat und Förderung» zu geben. Mit anderen Worten: Der Rütlischwur ist in erster Linie ein Bündnis, eine gegenseitige Verpflichtung. Das Dokument besiegelte also weniger eine Unabhängigkeit von etwas, als vielmehr die gegenseitige Abhängigkeit.

Genau diesen Aspekt hat die Genfer Journalistin Joëlle Kuntz ins Zentrum eines Buches über die Unabhängigkeit der Schweiz gestellt: «Die Schweiz oder die Kunst der Abhängigkeit» heisst der Aufsatz. Kuntz zeigt darin, dass die Schweiz nicht durch Unabhängigkeit stark geworden ist, sondern umgekehrt durch geschicktes Pflegen ihrer Abhängigkeiten. Das gilt gegen innen: Die Schweiz ist als Allianz von einzelnen Städten und später als Bund von Staaten stark geworden. Und es gilt gegen aussen: Die Schweiz hat sich ihre Unabhängigkeit 1815 nicht erkämpft, sie wurde ihr am Wiener Kongress auferlegt. Die damit verbundene Neutralität war in Tat und Wahrheit eine Neutralisierung.

Je kleiner eine Körperschaft ist, desto grösser ist ihre Abhängigkeit. Das bedeutet auch: Je mehr unabhängige Staaten es gibt, desto weniger souverän sind sie und desto eher müssen sie zusammenarbeiten. Das erleben wir gerade in unserer Region mit ihren zersplitterten Kantonsgrenzen. Ohne enge Zusammenarbeit geht es nicht, weil die gegenseitige Abhängigkeit zu gross ist. Das ist das Paradoxe: Die Unabhängigkeit im Kleinen wird mit gegenseitiger Abhängigkeit erkauft. So gesehen spielt es keine grosse Rolle, ob die beiden Basel dieses Wochenende einer Wiedervereinigung zustimmen oder nicht. Auch wenn sie ihre Verlobung vertagen sollten – die beiden Kantone leben längst im Konkubinat.