Räppli-Dusche

Das passiert, wenn eine Blondine an den Basler Cortège geht

Kauf dir eine Blaggedde, haben sie gesagt. Es wird dir nichts passieren, haben sie gesagt. Und doch haben mich die Waggis an der Basler Fasnacht eines Besseren belehrt.

Stolz wie Oskar ging ich zwei Wochen vor der Fasnacht zu einem Blaggedde-Verkäufer, um mir vorbildlich das Eintrittsticket zu den «drey scheenschte Dääg» zu erwerben. Denn eines haben mir meine Freunde immer wieder eingeimpft, als ich vor acht Jahren von Luzern nach Basel gezogen bin. Hier ist alles ein wenig anders, und vor allem: Wenn du keine Blaggedde hast, so musst du dich nicht wundern, wenn du «gestopft» wirst.

Mit diesen mahnenden Worten im Hinterkopf gönnte ich mir dieses Jahr sogar die silberne Variante – die kommt noch etwas professioneller daher, dachte ich mir. Mit stolzer Brust begab ich mich also am Montagnachmittag mit meiner glänzenden Anstecknadel in Richtung Cortège. Ich fühlte mich wie eine richtige Basler Fasnächtlerin. Dachte ich zumindest.

Anonyme «Stopfer»

Doch kaum bewegte ich mich in Richtung Mittlere Brücke – der Cortège hat noch nicht mal begonnen – hatte ich schon die erste Hand in meiner Jacke. «Du musst dir gar nicht einbilden, dass du mit deiner Blaggedde davonkommst», brüllte mir ein Waggis mit blauer Mähne ins Ohr. Gleichzeitig rieselten Tausende schwarze Räppli meinen Rücken runter. Etwas perplex wollte ich mich umdrehen, um meinem Angreifer die Meinung unter die rote Nase zu reiben, da hielt er mich schon an den Haaren fest, um mir eine weitere Ladung Papierfötzel in meinen Pullover zu stopfen.

Die Kette an meinem Hals hat er gleich mit runtergerissen. Bevor ich versuchte, mir das Gröbste wieder aus den Haaren zu schütteln, war der anonyme «Stopfer» wieder von dannen gezogen. Ein Mimösli oder eine Rose als Entschädigung: Fehlanzeige. Ich blieb etwas verdattert zurück. Wie war jetzt das noch mal mit dieser Blaggedde? Sollte mich das Schmuckstück nicht vor den maskierten Angreifern in «Zoggeli» schützen?

Der feine Unterschied

Im Gegensatz zu Basel gibt es bei der Luzerner Fasnacht, mit der ich aufgewachsen bin, zum Beginn der Fasnacht einen grossen Konfettiregen. Beim sogenannten «Fötzeliräge» rieseln Unmengen an (pardon) Konfetti auf die Menschen nieder. Meine Kindheitserinnerungen, in denen diese Papierfötzel vorkommen, sind also eher mit etwas Positivem verknüpft.

Ebenso bereitete es mir damals als verkleidete Nachwuchs-Prinzessin natürlich auch grossen Spass, andere Fasnächtler mit der farbigen Pracht bewerfen zu dürfen, ohne dass die Erwachsenen mahnend den Zeigefinger erheben konnten. Es war ja schliesslich Fasnacht, und dort herrscht Narrenfreiheit.

Du bist eben eine Blondine

Doch die Vorstellung, dass ein fremder, maskierter Jemand mir unaufgefordert eine Ladung Papier tief in die Klamotten stopft, finde ich dann doch nicht so prickelnd – mit oder ohne Blaggedde. «Du bist eben eine Blondine. Da kannst du leider nichts machen.» Junge und vor allem blonde Frauen seien trotz Blaggedde nicht von den stopfenden Krawallmachern sicher, heisst es jetzt vom selben Freundeskreis, der mir die Blaggedde empfohlen hatte.

Dennoch versuchte ich, mich nicht entmutigen zu lassen: Vielleicht war das nur eine einmalige Angelegenheit, dachte ich mir und ging in Richtung Kleinbasel. Während ich immer noch komisch verrenkend das Gröbste abschüttelte, stand schon der nächste Waggis in den Startlöchern. Obwohl ich sein Gesicht nicht gesehen habe, könnte ich schwören, dass er gegrinst hat. Und ehe ich mich versah, wurden meine Haare mit einer Ladung weisser Räppli einschamponiert.

Nächstes Jahr spare ich mir wohl das Geld für die Blaggedde und kaufe mir eine neue Halskette – oder einen Handstaubsauger. Die Haare werde ich mir jedoch nicht färben.

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