Die Gefängnisordnung aus dem Jahr 1888 hängt noch. Singen sei nicht erlaubt und auch nicht «über die Gassen zu schwatzen». An diese Regeln muss sich seit knapp 20 Jahren niemand mehr halten. Vielmehr ist «schwatzen», singen oder musizieren erwünscht. Denn mit dem Auszug des Gefängnisses aus dem Lohnhof zog unter anderem das Musikmuseum und das Hotel mit der gleichnamigen Brasserie Au Violon ein.

Heute dinieren die Menschen dort, wo früher die Gefangenen in Empfang genommen wurden. Und wo früher die Frauen in Untersuchungshaft sassen, schlafen heute die Gäste. Die Entbehrungen und die Eintönigkeit sind verbannt: Das Savoir-vivre ist eingezogen.

«Mit dem Hotel Au Violon gibt es eine typische Brasserie parisienne in Basel», sagt der Geschäftsführer Philippe Maire. Der Franzose kennt praktisch alle Bereiche der Gastronomie. Er arbeitete als Koch, Kellner, Barmann, Patissier – und absolvierte die Hotelfachschule im Elsass. «Es war immer mein Ziel, einen Betrieb zu führen», sagt Maire. Im Hotel Au Violon begann er vor drei Jahren als Kellner, stieg innert Kürze zum Chef de Service auf und leitet seit 2014 das Restaurant und Hotel.

Auch wenn sein Team aus Italien, Griechenland, der Schweiz und den Philippinen stammt: In der Küchencrew sind allesamt Franzosen. «Das sind die besten Köche», lacht Philippe Maire. Der Küchenchef David Goldbronn hat zudem bei einer lebenden Legende sein Handwerk verfeinert. Goldbronn dünstete, würzte und briet bei Frankreichs Starkoch Joël Robuchon, den «Gault Millau» zum «Koch des Jahrhunderts» kürte.

In ehemaligen Zellen nächtigen

Seit 1999 das Hotel und die Brasserie Au Violon seine Türen geöffnet hat, verpflichtet es sich der französischen Küche. Das geht auf den ehemaligen Stiftungsrat des Lohnhofs, Peter C. Hoffmann zurück. «In Basel lebten viele Franzosen, aber französische Institutionen gab es nur wenige. Das sollte mit dem ‹Au Violon› geändert werden», sagt die Rezeptionschefin Meri Vignali.

Über ihren geschichtsträchtigen Arbeitsort gerät sie ins Schwärmen. «Historisch gesehen sind wir einer der am stärksten geprägten Orte Basels.» An das mittelalterliche Kloster erinnert heute noch die Leonhardskirche, vom ehemaligen Lohnhof blieb der Name des gesamten Gebäudekomplexes am Kohlenberg. Am stärksten sichtbar im Hotel Au Violon sind die Zeiten des Untersuchungsgefängnisses mit dem Polizeiposten und der Staatsanwaltschaft.

Es gibt insgesamt 20 Hotelzimmer, 14 bestehen aus jeweils zwei ehemaligen Zellen des Frauengefängnisses. Die Zimmertüren sind noch in Originalgrösse. Menschen mit einer Körpergrösse über 1,75 Meter müssen ihren Kopf einziehen, grosse Koffer passen nur seitwärts durch die Türen. Die engen Platzverhältnisse im Gefängnis lassen sich immer noch erahnen – obwohl jeweils eine Zwischenwand herausgerissen und zusätzliche Fenster eingebaut wurden.

Raum und Fernsicht hingegen hatten die früheren Polizisten und Staatsanwälte: Ihr Blick reichte über die historischen Dächer über den Barfüsserplatz bis hin zum Münster. Auch in diesen Zimmern können heute Gäste nächtigen – und ihre Kleider in die früheren Schränke der Amtsstuben einräumen.

Brunnen putzen als Belohnung

Ein stummer Zeitzeuge des Lohnhofs ist der Brunnen mitten auf der Terrasse der Brasserie Au Violon. Seine Errichtung wird auf das 12. Jahrhundert geschätzt. Heute ist er ein historisches Bijou zwischen den Stühlen und Tischen, wo sich Flaneure ausruhen, Romantiker ein Tête-à-Tête halten oder Liebhaber der französischen Küche ihrer Leidenschaft frönen. Während der 160-jährigen Gefängniszeit verkörperte der Brunnen jedoch ein Stück Freiheit. «Alle zwei Wochen durfte ein Gefangener, der sich gut benommen hatte, den Brunnen reinigen», erzählt Meri Vignali. Da sich der Brunnen nahe am Eingangstor befand und der Häftling hinausschauen konnte, war diese Aufgabe eine Belohnung.

Ehemalige Insassen des Untersuchungsgefängnisses kenne sie praktisch nicht, sagt Meri Vignali. «Erst einmal liess eine Person durchblicken, dass sie hier im Gefängnis war». Hingegen würden immer wieder ehemalige Polizisten und Staatsanwälte in die Brasserie zum Essen kommen, erzählt die Rezeptionschefin.

Unabhängig, wie freiwillig die Gäste in die Brasserie gelangen, «hinter Gitter» kommen alle. Denn der Name spielt mit seiner doppelten Bedeutung. Neben der Violine, die auf die Nähe zur Musikakademie und dem Musikmuseum verweist, lehnt er sich an den umgangssprachlichen Ausdruck «aller au violon» an, was «in den Knast gehen» bedeutet. Aushalten lässt es sich hier auf jeden Fall.