Ein Blick

Das scharfe Gericht vor dem Gericht

Für ihre Arbeit kommen bei den Kontrolleuren alle Sinne zum Zug.

Für ihre Arbeit kommen bei den Kontrolleuren alle Sinne zum Zug.

Ein Blick in den Alltag der Pilzbestimmer. In der Rubrik «Ein-Blick» gewährt die «Schweiz am Wochenende» den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft.

Der Mensch ist ein Sammler. Briefmarken, Kaffeerahmdeckel, Facebook-Freunde. Und der Mensch sammelt Pilze. Auch in hiesigen Gefilden ist es eine beachtliche Zahl Pilzler, die während der Herbsttage ausschwärmt, um die Wälder nach Steinpilzen, Pfifferlingen und Totentrompeten zu durchforsten. Werden sie fündig, überkommt sie mitunter der Pilzrausch. So beschreibt das Cyril Lüönd, Pilzkontrolleur seit 2009. Wenn der Wald voller Pilze stehe, Pilz um Pilz ins Körbchen wandere führe das zur üppigen Ausschüttung von Glückshormonen. «Irgendwann wird der Schalter umgelegt und die Menschen können weiss nicht mehr von schwarz unterscheiden», sagt Lüönd, «dann kommen sie mit Körben voller Zeug, das man nicht mal an Tiere verfüttern würde.» Er meint angefaulte, schimmlige, schneckenbeknabberte Pilze.

Oder noch schlimmer, als zwei ältere Damen Lüönd mit einem Korb voller Wiesenchampignons zur Kontrolle aufsuchten. Champignon um Champignon winkte er durch – bis er plötzlich auf zwei Knollenblätterpilze stiess. «Da wurde mir anders», sagt er. Der hochgiftige Knollenblätterpilz, ob die grüne oder weisse Variante, ist quasi der Antichrist unter den Giftpilzen, der Ausknipser, der zu Organversagen führt, 50 Gramm reichen. Als Jüngling sieht der Todbringende einem Champignon tatsächlich zum Verwechseln ähnlich. Unverkennbar macht ihn aber sein unappetitlicher Geruch. Doch im Rausch schaltet auch die Nase aus.

Als Mitglied des Pilzvereins Oberbaselbiet trifft sich Lüönd während der Saison einmal wöchentlich mit seinen Mitstreitern. Dann bringen sie körbeweise Pilze ins Vereinslokal nach Tenniken – und bestimmen das Gefundene unter Zuhilfenahme von Augen, Nase und manchmal dem Mund, von Fachliteratur und in letzter Instanz dem Mikroskop.Die Experten unterteilen die Funde in Gattungen: in Rüblinge und Schwindlinge, Täublinge, Trichterlinge und Schleierlinge. Die Sorten tragen Namen wie den Netzstieligen Hexenröhrling oder den Grünblättrigen Schwefelkopf. Leider nicht dabei, da selten: Krokodilritterling und Elfenbeinröhrling. Das sind die Einhörner unter den hiesigen Pilzen. Sie zu finden, bedeutete der Jackpot für so manchen Pilzfreund.

Voller Körpereinsatz

Gerade untersuchen Lüönd und seine Kollegin Bernadette Helfer einen Grubigen Milchling. Der fleischige Pilz gilt hierzulande als giftig, landet in Osteuropa aber durchaus in Kochtöpfen. «Früher wurde er auch hier in rauen Mengen gegessen», sagt Lüönd, «denn etwas Bauchweh war angenehmer, als mit einem hungrigen Magen schlafen zu gehen.» Das sei allerdings zu Zeiten gewesen, als unsere Mägen noch härter im Nehmen gewesen seien, erklärt er. Er beisst in einen beängstigend roten Pilz, nur um nach Luft zu ringen und das abgebissene Stück schliesslich mit Anlauf aus dem Fenster zu spucken: ein Täubling, ungiftig zwar, aber scharf wie Chili.

Das ist nicht zur Nachahmung empfohlen: Vom Verzehr roher Pilze raten die Oberbaselbieter Pilzfreunde vehement ab. Nicht nur, weil Pilze für den Menschen ohnehin schwer verdaulich sind, sondern auch wegen des Fuchsbandwurms etwa. Trotzdem sind in dieser Saison bereits drei notfallmässige Anrufe bei den Kontrolleuren eingegangen – allesamt wegen Verzehrs roher Pilze.
Lucas Huber

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