Festival
Das Schweizer Theater usurpiert Berlin

Noch nie in der Geschichte des Berliner Theatertreffens war die Schweiz so präsent – doch darf man das so sagen?

Susanna Petrin
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Käsebrockn mit Fähnchen täuschen nicht darüber hinweg: Eine Schweizer Inszenierung ist noch weniger rein schweizerisch als die Fussballnati.

Käsebrockn mit Fähnchen täuschen nicht darüber hinweg: Eine Schweizer Inszenierung ist noch weniger rein schweizerisch als die Fussballnati.

Simon Stones Basler Inszenierung «Drei Schwestern» machte den Anfang, Ersan Mondtags Berner Inszenierung «Die Vernichtung» markierte dieses Wochenende ihr Ende: Die Schweizer waren dieses Jahr am dreiwöchigen Berliner Theatertreffen, dieser Oscarverleihung der deutschsprachigen Theaterszene, präsent wie noch nie zuvor in dessen 54-jähriger Geschichte. Rein mathematisch betrachtet waren die Hälfte aller gezeigten Inszenierungen Swiss made – an einem hiesigen Theater produziert oder von einem Schweizer Regisseur inszeniert.

Den Schweizern zu diesem Rekord verholfen haben jedoch auch traurige Umstände: Die Hamburger Inszenierung «Der Schimmelreiter» konnte nicht gezeigt werden, weil dessen Hauptdarsteller erkrankt ist. Die Münchner «Räuber» liefen nur auf Video, weil das Bühnenbild zu wuchtig war für die Umsiedlung.

So warens heuer nur noch acht der zehn «bemerkenswertesten» Inszenierungen der Saison, die vor Ort liefen. Acht aus Hunderten, die jedes Jahr in Deutschland, der Schweiz und Österreich zu sehen sind. Umso bemerkenswerter, dass es bei einer derart enormen Auswahl vier von hier in die Schlussauswahl geschafft haben.

Denn auch diese absolute Zahl ist einmalig. Hinzu kommen Zusatzpreise: Michael Wächter vom Basler Ensemble hat gestern den Alfred-Kerr-Darstellerpreis für seine Rolle als Theodor in den «Drei Schwestern» erhalten. Regisseur Milo Rau einige Tage zuvor den 3sat-Preis.

Das Schweizer Theater n’existe pas

Für eine Schweizer Zeitung die schweizerische Perspektive eines Themas hervorzuheben, wird intern erwartet, denn wir erwarten, dass die Leserschaft das erwartet. Doch in Zeiten des erstarkenden Nationalismus widerstrebt das einem im Grunde. Das Labeln ist überdies nicht ganz ehrlich: Eine Schweizer Inszenierung ist noch weniger rein schweizerisch als eine Fussballmannschaft. Im Fussball bleiben die diversen Spieler, so lange ihr Vertrag läuft, dem einen Klub ganz treu.

Im Theater wechseln die Akteurinnen und Akteure die Bühnen häufiger, oft spielen sie gleichzeitig auf mehreren. So bekam der Zürcher Theatermacher Thom Luz, der in Basel Hausregisseur ist, die Einladung nach Berlin für eine Inszenierung in Mainz: «Traurige Zauberer». So ist das Stück, welches das Konzert Theater Bern zum ersten Mal die Ehre brachte, dabei zu sein, von einem aufstrebenden Berliner inszeniert worden: Ersan Mondtag. Der Text stammt von der deutschen Autorin Olga Bach. Ein paar Schauspieler vom Berner Ensemble sind dabei, sie sind in Deutschland ausgebildet worden.

Noch globaler ist Milo Raus «Five Easy Pieces». Das Stück des in Köln lebenden Schweizers wurde international koproduziert. Es entstand in Belgien, die Kinder sprechen Flämisch. Milo Rau wird bald Theaterdirektor in Gent. Und der in Australien aufgewachsene Basler Simon Stone dreht gerade mit Cate Blanchett und Kevin Spacey in Hollywood einen Film.

So läuft das durchs Band. Da mögen auch die vielen Käsebrocken mit den Schweizer Fähnchen drin nicht darüber hinwegtäuschen, die es am Samstag zur Premierenfeier nach der Berner Inszenierung gab – gestiftet von der Schweizer Botschaft in Berlin. Es gibt keine rein deutschen oder rein schweizerischen Inszenierungen mehr. Und das ist gut so. Das Theater lebt vom gegenseitigen Austausch, der Inspiration, dem immer wieder neuen Blick. Anderseits droht durch diese Globalisierung etwas verloren zu gehen: Das ganz Eigene, das so nur an einem Ort entstehen kann, das aus einer langen konstanten Geschichte erwachsen ist.