Hand aufs Herz: Wenns nicht im Programmheft und etlichen Rezensionen stünde, wer hätte dann gemerkt, dass es bei Thom Luz’ Stück «There Must Be Some Kind of Way out of Here» angeblich darum gehen soll, die eigene nationale Identität abzuschaffen? Die 16 Darstellerinnen und Darsteller, die nach Zürichs Gessnerallee nun Basels Kaserne bespielen seien «Schweizaustreiber», heisst es weiter, denn Wurzeln brauche heutzutage keiner mehr: «Wenn es so weitergeht, kann sich sowieso niemand leisten, Schweizer zu sein.»

Hand aufs Schweizer Herz: Das ist doch Unsinn, weitergetragen von Artikel zu Artikel. Pech hat eher, wer in einer Lehmhütte im Ostkongo oder einer Favela in Brasilien zur Welt kommt. Die Schweiz hingegen sei sogar das Land der allerglücklichsten Babys weltweit, behauptet das Forschungsinstitut EIU in einer Studie, die vor wenigen Tagen Schlagzeilen machte. Denn nirgends sonst sei die Chance auf Wohlstand, Sicherheit und Gesundheit grösser.

Natürlich macht Wohlstand nicht zwingend glücklich – aber es hilft –, und natürlich muss die Kunst nicht rational sein – behaupten darf ein Theaterstück fast alles. Aber zum Glück hält sich diese Produktion in diesem Fall gar nicht an die vorgeschobene Interpretation, sondern lässt manche andere viel eher zu.

Wie das halt so ist, als Mensch

In erster Linie wird an diesem kurzen Theaterabend ganz einfach das allzu Menschliche vorgeführt. Wie das halt so ist, ein Leben als Mensch zu führen; seiner Arbeit, seinem Familienleben und seinen Marotten nachzugehen. Einer löse vielleicht gern Kreuzworträtsel, ein anderer schreibe anonyme Briefe, eine dritte leide unter einer chronischen Blasenentzündung pickt die Schauspielerin Anna-Katharina Müller nach und nach 50 Exemplare aus mehreren Millionen raus, die das Schweizer Volk so ausmachen.

16 stehen auf der Bühne, lächeln, nicken mit dem Kopf zum Takt des Rhythmus. Langsam scheren die ersten aus der geraden Reihe, später formen sie sich zu immer neuen Gruppen, bewegen sich in tranceartigen Zuständen zu einem repetitiven Klangteppich (Musik: Mathias Weibel, Choreographie: Arthur Kuggeleyn). Eine erzählt aus ihrem Leben, vom Gefühl des Fremdseins in China, und wie ihr da ein Billigimitat eines Schweizer Sackmessers ein falsches Gefühl von Heimat geben konnte. Ein anderer dreht durch. Zwei Alte politisieren. Es wird ein bisschen am Zustand der Schweiz, der EU, der Welt gezweifelt und verzweifelt. Gegen Ende drängen sich alle in eine Holzbude mit Glasfenster am hinteren Bühnenrand, trinken Wasser, singen Volkslieder; wie Aquarium-Fische in Marthalers Theaterstube.

Wie bei Bob Dylan

Eigentlich erstaunlich, dass Luz in seinen Theaterarbeiten mit Wiederholungen innerhalb schlichter Choreographien spielt, derweil er mit seiner Band «My Heart Belongs to Cecilia Winter» emotionale Lieder in kitschig-überladenen Kostümen singt. Interessant ist auch der Vergleich zu seiner anderen Arbeit, die diese Woche parallel am Theater Basel angelaufen ist: Luz’ Interpretation von Goethes Werther ist ebenfalls ein Spiel mit Worten, Klängen und visuellen Effekten.

«There must be some kind of way out of here» ist eine Zeile aus einem Bob Dylan-Lied, das später durch Jimmy Hendrix so richtig berühmt wurde. Ein Zwiegespräch über die Widersinnigkeiten des Lebens und dem Umgang damit. Damit wären wir dem Stück schon etwas näher.

«There Must Be Some Kind of Way out of Here». Heute und morgen noch einmal in der Reithalle: www.kasernebasel.ch