Vögel
Das staatlich kontrollierte Krähenklo

Die Stadtgärtnerei beeinflusst gezielt, an welchen Stellen Saatkrähen die Basler Strassen verdrecken. Dort wo die Bäume zurückgeschnitten werden, haben die Anwohner Glück.

Samuel Hufschmid
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Zehn Kolonien mit bis zu 200 Tieren brüten derzeit in Basel – und hinterlassen Spuren, wie hier an der Pruntruterstrasse.

Zehn Kolonien mit bis zu 200 Tieren brüten derzeit in Basel – und hinterlassen Spuren, wie hier an der Pruntruterstrasse.

Kenneth Nars

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das denkt sich die Stadtgärtnerei, wenn es um die alljährlich auftretenden Krähenschwärme geht, die sich zum Brüten gerne auf alten Stadtbäumen niederlassen. Und dabei Anwohner mit viel Lärm und kiloweise stinkendem Kot verärgern. Den Stadtgärtnern bleibt nur eine Möglichkeit: Durch das Zurückschneiden der Bäume im Winter werden diese fürs Nestbauen unattraktiv und die Vögel suchen sich Alternativen.

«Aus diesem Grund schneiden wir in einem Park nicht mehr alle Bäume gleichzeitig, sondern lassen immer gewisse Sektoren aus, die dann von den Krähen bewohnt werden können», sagte Emanuel Trueb, oberster Stadtgärtner, gegenüber dem «Regionaljournal» von «Radio SRF». Für die Anwohner habe dies den Vorteil, dass nach einem Jahr der Plage einige krähenfreie Jahre folgten.

Keine Rücksicht beim Rotieren

Bei den Anwohnern der besonders geplagten Pruntrutermatte im Gundeli stösst das Vorgehen der Gärtner auf Teilakzeptanz. «Die Vögel müssen ja irgendwo leben, aber man könnte ja jeweils die Bäume entlang der bewohnten Strassen schneiden und jene an der Strasse den Tieren überlassen», sagt eine Anwohnerin zur bz. Doch die Stadtgärtnerei nimmt beim Rotieren keine Rücksicht – so sind in diesem Jahr die Anwohner der Pruntruterstrasse 33 bis 39 sowie der Hans Huber-Strasse 65 dran, wie ein Augenschein zeigt.

Ein Fäkalienfilm überzieht an diesen Stellen die Trottoirs, Autos, die schon länger dort stehen, sind ebenfalls voll. Einige Schritte weiter, unterhalb der geschnittenen Bäume, sind die Trottoirs blitzsauber. Dass die Massnahme derart gut wirkt, macht sie zu einem Politikum: Wer unter der Plage zu leiden hat und wer davon befreit wird, entscheiden die Stadtgärtner am Schreibtisch – indem sie den Winterschnitt entsprechend planen.

Doch Trueb entwarnt: «Wir können mit dem Schneiden lediglich zur Entlastung gewisser Stellen beitragen, wohin die Vögel genau ausweichen, das entscheiden diese immer noch selbst.»

Bis 2012 war die Saatkrähe landesweit geschützt, seither darf sie wieder geschossen werden. In der Stadt ist dies gemäss Trueb keine Option, im Baselbiet hingegen werden die Krähen regelmässig mit der Flinte bekämpft. Im Gegensatz zu den Rabenkrähen, deren Abschuss zur Selbsthilfe auch Eigentümern und Pächtern von landwirtschaftlichen Betrieben erlaubt ist, dürfen Saatkrähen nur von Jagdaufsehern erlegt werden.

Und dies auch nur ausserhalb der Brutzeit, wie der Baselbieter Jagd- und Fischereiverwalter Holger Stockhaus sagt. Zahlen liegen nicht vor, ebenfalls im Gegensatz zu den Rabenkrähen, von denen in der Saison 2015/16 426 Tiere erlegt worden sind.

Basel-Stadt hat bezüglich Krähenbekämpfung bereits in den Nullerjahren schweizweit Schlagzeilen gemacht. Damals versuchte die Stadtgärtnerei die Plagegeister mittels Holzklappen zu verscheuchen. «Die Stadtgärtnerei montierte an drei Versuchsbäumen insgesamt ein Dutzend Holzklappen, die von Passanten betätigt werden können, um die Vögel zu vertreiben», schrieb die «Neue Zürcher Zeitung» 2005.

Der Versuch scheiterte, wie Trueb sagt. «Die Klappen waren nutzlos und nach kürzester Zeit defekt. Wir konnten bisher keine Methode finden, mit der sich lästige Brutkolonien längerfristig von ungeeigneten Standorten vertreiben lassen.» Zudem wolle die Stadtgärtnerei die Kolonien nicht auseinandertreiben, sonst verschärfe sich das Problem.
Dabei wurden die ersten brütenden Saatkrähen 1963 in Basel regelrecht gefeiert. Die Vögel waren zuvor lediglich als Wintergäste aus dem Norden in Basel, ehe auf der Claramatte die erste Brut registriert wurde.

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