Tradewell AG
Das steckt hinter der Basler Firma, deren Munition vom IS verwendet wurde

Wie die Tradewell AG vor 13 Jahren an einem Waffendeal beteiligt war und nun in die Schlagzeilen geriet – und welch andere spannende Geschichte hinter der Schlagzeile steht.

Christian Mensch
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Im März 2015 in Kobane gefunden: Munitionsverpackungen aus serbischer Produktion.

Im März 2015 in Kobane gefunden: Munitionsverpackungen aus serbischer Produktion.

©CAR

Die «Sonntagszeitung» hat vor Wochenfrist die Lunte gelegt. Unter der Schlagzeile «Anzeige gegen Schweizer Firma wegen IS-Munition» erzählt sie die Geschichte, wie ein «Basler Unternehmen ohne Bewilligung Millionen Patronen in den Irak vermittelt» habe. Von der Recherche aufgeschreckt gab das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zu Protokoll, es werde bei der Bundesanwaltschaft Anzeige einreichen, da die angesprochene Tradewell AG keine Bewilligung für das Munitionsgeschäft habe. Das Seco erntete umgehend den Applaus der Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA). Sie begrüsste, dass die Behörde etwas gegen solche «undurchsichtigen» Waffendeals unternehme.

Die Sonntagsgeschichte fand Beachtung und Verbreitung. Eine Nachrecherche zeigt: Als Story im Kampf gegen schweizerische Waffenschieberei fällt sie in sich zusammen. Doch spannend ist die Geschichte dahinter.

Im Februar 2015 fand ein unabhängiges Untersuchungsteam der Conflict Armament Research (CAR) im syrischen Kobane Munitionsverpackungen in einer verlassenen Stellung von IS-Kämpfern. Die CAR analysierte, woher die Waffen und Munition kamen, die in Syrien und im Irak von den Kriegsparteien eingesetzt werden. Im 200-seitigen Bericht, den CAR Anfang Dezember publizierte, erscheint der Fund mit einem Bild, mit zehn Zeilen Text sowie einer Fussnote. Demnach stammen die fünf Millionen Schuss aus der serbischen Munitionsfabrik Prvi Partizan. Sie waren als Stärkung der irakischen Armee gedacht, fielen aber dem IS in die Hände.

Die Lieferung war von der internationalen Allianz (MNSTC-I) abgesegnet und von den serbischen Behörden bewilligt. Drei Firmen waren Ende 2004 operativ am Deal beteiligt: die Basler Handelsfirma Tradewell vermittelte den Lieferanten, die britische Securityfirma TOR International transportierte die Ware, die US-Söldnerfirma Laudes Corp. begleitete in Bagdad in Übergabe.

Die Tradewell war das Vehikel von Majo Sefa, einem australischen Staatsbürger mit kosovarischen Wurzeln und einem abenteuerlichen Leben, soweit es sich rekonstruieren lässt.

Der Mann hinter der Tradewell

In die Schlagzeilen geriet Sefa erstmals Ende der 1990er Jahre. Gemäss «Wall Street Journal» arbeitete er als Bodyguard für eine britische Sicherheitsfirma und handelte mit Plastikrohren. Er war zuerst Beschützer, dann Berater von Bill Skate, dem Premierminister von Papua-Neuguinea. Als die Spannungen stiegen, nahm Sefa filmisch auf, wie Skate im Suff skandierte «... if I tell my gang members to kill, they kill». Sefa flüchtete nach Australien. Als die als «Sefa-tapes» bekanntgewordene Aufnahme im Sender ABC gezeigt wurden, war der Skandal perfekt.

2003 etablierte sich Sefa mit der 1982 gegründeten Tradewell als akkreditierter Lieferant für die Uno im Mittleren Osten – auch im Bereich «Security & Protection» wie aus einer Auflistung hervorgeht. Sefa, der als Zwölfjähriger nach Australien gekommen war, hielt Kontakte zu seiner ex-jugoslawischen Heimat aufrecht, sodass wenig verwundert, dass eine serbische Munitionsfabrik 2004 den Handschlag für die nun kritisierte Lieferung erhielt.

Das bisher letzte Mal international aktenkundig wurde Sefa 2013 im Krisengebiet Südsudan. Aus serbischen Medienberichten geht hervor: Mit Papieren der Uno habe Sefa Transporte für Uno- und NGO-Organisationen von Kenia nach Sudan organisiert. Sein Partner war der Montenegriner Anton Stanaj, der zwei Jahre zuvor in Belgrad wegen Zigarettenschmuggel zu sechseinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Stanaj wurde jedoch erschossen und Sefa als mutmasslicher Täter in Untersuchungshaft genommen. Nach drei Wochen galt eine andere Person als Hauptverdächtigter.

Der Deal ist verjährt

Zum Zeitpunkt der Schiesserei war die Schweizer Tradewell AG bereits liquidiert. Der Treuhänder, der die Firma mit einem Proforma-Sitz in Basel eingerichtet hatte und einziger Verwaltungsrat war, hatte sich Ende 2009 zurückgezogen. Die Revisionsgesellschaft legte kurz darauf ihr Mandat nieder, da Sefa keinen Jahresabschluss vorlegte. Da die Tradewell damit ohne rechtsmässige Organe war, liquidierte das Handelsregisteramt die Firma 2010.

Der Ankündigung des Seco, Anzeige gegen die Tradewell wegen des Munitionsdeals einzureichen, ist nach Auskunft der Bundesanwaltschaft noch keine Tat erfolgt. Das Seco kann es auch bleiben lassen. Die Firma ist faktisch nicht mehr greifbar und im Kriegsmaterialgesetz heisst es: «Die Strafverfolgung verjährt in fünf Jahren.» Diese Frist ist vor acht Jahren abgelaufen.