Tennessee Williams bringt es in seinem grossartigen Stück auf den Punkt: In einer materialistischen und harten kapitalistischen Welt sind wir gezwungen, Träume und Sehnsüchte aufzubauen als Ausgleich. Klaffen die beiden Welten zu weit auseinander, brechen wir aus – oder die Träume entpuppen sich als klägliche Schäume.

«Orpheus descending» zeigt auf, dass wir wie Ratten aufeinander losgehen, wenn unser Kübel, in dem wir herumrasen müssen, zu klein wird: Die Aggression richtet sich gegen uns selbst, weil der Gegner im System kaum zu fassen ist.

Alles ist halb einsehbar

Dieses «Es ist kaum zu fassen» schlägt den Zuschauern schon mit dem Bühnenbild (Adriane Westerbarkey) entgegen. Wir sehen eine Art Lagerraum, eine Kasse, einen offenen Laden, einen Treppenaufgang zu den Schlafgemächern. Hier kann aber auch ein kleines Zimmerchen, das Versteck für den Liebhaber, eingebaut werden, das durch einen Streifenvorhang versteckt wird.

Es mischen sich Familie, Verkaufsladen und Begegnung mit den Leuten vom Dorf. Belegt wird das Unfassbare, der Druck von Wirtschaft, Privatem und sozialer Kontrolle, auch durch den grossen Vorhang: Alles ist halb einsehbar.

Die Leute aus dem Dorf können durch diese Vorhangstreifen wie Blut durch die Finger auf die Szene rinnen. Aus den uneinsehbaren oberen Privatgemächern fliesst die Familienkrise auf die Bühne herunter wie Sand durch die Sanduhr.

Träume brechen auf

In das Provinznest platzt ein Mann mit einem Kittel aus Schlangenhaut, eine Gitarre in der Hand. Das erinnert an Orpheus. Bloss muss dieser Mann kaum singen, er kann auch kaum Gitarre spielen. Aber er erinnert alle an ihre Jugend und Freiheit, an ihre Sehnsüchte und verschütteten Träume.

Die Frauenherzen fliegen ihm zu, den Männern ist er ein Dorn im Auge. Lady Torrance, die Inhaberin, ist fasziniert, stellt ihn an, zieht ihn ins Bett, frisst ihn fast auf. Kein Wunder, ihr Mann ist ein schwer kranker, missgünstiger, brutaler und mit der Männersippe des Dorfes fest verbundener Macho.

Die Damen schnattern und schwänzeln um Orpheus herum. Zwei junge Frauen machen sich an ihn heran. Weil unser Held ein Supergitarrist ist, weil er viel Geld hat, weil er eloquent ist, weil er einen attraktiven Body hat, weil er uns eine Geschichte um die andere erzählt von fernen Welten?

Nichts davon, er deutet alles nur an, klampft drei Akkorde, singt zwei Zeilen; er bricht die Träume auf wie den Deckel des Einmachglases. Die verliebte Lady Torrance ist das Kind eines Italieners, dessen Habe und Leben von ihrem jetzigen Mann und dem Männerbund vernichtet wurde, alles Fremde muss geopfert werden.

Die Geschichte wiederholt sich, die Lady wird von ihrem Mann erschossen und der Fremde wird vom Männerbund des Dorfes gelyncht.

Auf den Punkt gebracht

Die Regie von Florentine Klepper bringt diese Geschichte auf den Punkt. Sie zeigt, dass über allem Aufbau von Lebensträumen und deren schmerzlichem Verlust ein Lebenskampf thront. Sie inszeniert das Stück bis zu einer Art tragischem Irrenhaus, zu einem Horror-Spuk, zu einem eigentlichen Alptraum.

Alles durchdringt sich, es ist tatsächlich kaum zu fassen. Dass das besonders am Anfang etwas zügiger gemacht werden könnte, tut der Gesamtleistung keinen Abbruch. Umso mehr, als Florentine Klepper es schafft, das Ensemble zu einer konzentrierten, feinsinnigen und tragikomischen Hochform auflaufen zu lassen. Allen voran Chantal Le Moign als Lady, sie zeigt dieses tiefe Unbefriedigtsein phänomenal.

Auch Thomas Douglas als Mann in der Schlangenhaut (prächtige Verfilmung mit Marlon Brando und Anna Magnani 1959) überzeugt, gerade durch seine milchbubige Unscheinbarkeit, durch seine fast klägliche Art, über sich verfügen zu lassen, um dann doch immer wieder abhauen zu wollen. Schliesslich könnte Peter Schröder als kranker, sterbender Gatte kaum bösartiger sein.