Weil es so selten getan wird, weiss kaum einer mehr, dass es möglich ist: Die Grosse Bühne des Theater Basel hat ihren Platz nicht fix als Guckkasten vorne, sie kann mitten in den Zuschauerraum hineingeschoben werden – und verwandelt sich so zur Arena. Das Publikum kann zu Dreivierteln oder ganz rundherum sitzen, die Decke lässt sich auf Sprechtheaterhöhe herunterfahren, der Orchestergraben kann erweitert werden. Die Grosse Bühne ist so flexibel wie ein Rubik Zauberwürfel; man kann sie verschieben, drehen, wenden.

Bevor sie die Pläne zu zeichnen begannen, studierten die Architekten Theaterbauten vom 8. Jahrhundert vor Christus bis 1963: Das griechische Dionysostheater mit seinen im Steilhang eng angelegten Zuschauerplätzen etwa. Die Arena-Bühne, deren Spielfläche inmitten der Zuschauer liegt. Das Shakespearetheater mit seiner Vor- und Hinterbühne. Die Rahmenbühne, die mit Orchestergraben und Vorhang die Zuschauer klar vom Bühnenraum trennt.

«Wir haben uns schliesslich nicht für eine einzige entschieden, sondern versucht, möglichst viele Theaterformen machbar zu machen», sagt Frank Gloor, der letzte Überlebende der damaligen Architekten: «Die Veränderbarkeit der Bühne war uns ein grosses Anliegen.» Gloor hat das Stadttheater zusammen mit Felix Schwarz, Rolf Gutmann und Hans Schüpbach für den Architekturwettbewerb von 1963 entworfen.

Es war der zweite Anlauf Basels, zu einem neuen Theater zu kommen. Bei einem ersten Wettbewerb von 1956 hatte noch keines der eingereichten Projekte überzeugt. Nun, beim zweiten anonym durchgeführten Wettbewerb, entschloss sich eine Jury nach fünf Tagen, dem Projekt Nummer 42 mit dem Kennwort Tre den Zuschlag zu geben. Für das an Theater und Literatur interessierte Team des Büros «Schwarz & Gutmann» begann ihr vielleicht spannendstes, aufwendigstes, sicherlich prestigeträchtigstes Projekt.

Verschmelzung der Gattungen

Auch der Basler Regierungsrat war damals von der Multifunktionalität des geplanten Baus sehr angetan. In einem Ratschlag an das Parlament schreibt er 1966: «Die Anpassungsfähigkeit der Zone, in der Bühne und Zuschauerraum ineinander übergehen, dient den verschiedensten Inszenierungen. Es ist zu erwarten, dass das Theater der Zukunft neue Wege gehen wird. Wege, die nach dem Urteil der zuständigen Fachleute mehr und mehr auf eine Verschmelzung der bisherigen Kunstgattungen im Theater, also von Oper, Schauspiel und Ballett, hinauslaufen.» Was noch heute als modern gilt, ist also schon in den 60ern antizipiert worden.

Aber etwas hätten die Architekten damals unterschätzt, sagt Martin Pfister, der heute Partner im selben Architekturbüro ist: «Die hohen Betriebskosten, die ein Umbau der Bühne mit sich bringt.» Und wenn man aus Spargründen die Decke lange nicht herunterlasse, die Bühne kaum je in die Mitte hin verschiebe, so vergesse man, wie es geht. Vielleicht besinnt sich die neue Theaterdirektion, deren erste Saison am 22. Oktober startet, ja wieder darauf, was das Haus alles kann?

Ganz am Anfang wusste man noch, wie es geht. Vom 3. bis 5. Oktober 1975 wurde das Haus eröffnet. Mit einem Theatermarkt an allen möglichen Orten im ganzen Haus – und auf einer Arenabühne im Zuschauerraum. 15 000 Menschen feierten mit. Schon am 22. September hatte der Tages-Anzeiger den Ausverkauf des bunten Vorstellungstreibens gemeldet. 15 000 Theaterinteressierte, genügend Leute, um ein halbes Fussballstadium zu füllen. Heute schwer vorstellbar.

Aber vielleicht waren die Leute auch deshalb so begierig darauf, endlich etwas im neuen Haus zu sehen, weil es vom Entwurf bis zur offiziellen Eröffnung sehr lange gedauert hatte. «Das Gebäude wurde zwar zu früh fertig, doch am Anfang war noch kein Geld für den Betrieb da», erinnert sich Martin Pfister. Man behalf sich – mit Hilfe der Mäzenin Antoinette Vischer– mit spektakulären Zwischennutzungen: Im Juni 1972 gab der Komponist John Cage ein Konzert. Im Foyer. Fans aus ganz Europa kamen angereist.

Foyer wie eine weitere Bühne

Das Foyer mit seinen breiten Treppen ist derart grosszügig, dass es selbst als weitere Bühne dient. Auch das ist eine Absicht der Architekten. Theaterdirektor Hans Hollmann liess seine «Die letzten Tage der Menschheit» im Foyer zu Ende gehen. «Mit einem Bähnlein auf der Treppe», sagt Gloor, «es war grossartig».

Grosszügigkeit zeichnet das Haus generell aus. Höchstens noch zwei, drei weitere Theaterhäuser Europas hätten eine derart riesige Hinterbühne, erklärt Gloor. Hier könne man ebenerdig mit hohen, stehenden Kulissen herumfahren.

Einmalig sei auch, dass mitten in Basel derart viel Stadtraum für das Theatergebäude sowie zwei neue Plätze freigegeben worden sind: Den Theaterplatz mit dem Tinguelybrunnen - dort stand das frühere Theater. Und weiter oben für den Platz mit den Pyramiden, durch die Tageslicht in den grossen Malsaal des Theaters dringt.

12 Zentimeter dünne Betondecke

«Damals hatte man die Leidenschaft, Sachen zu machen, die es noch nicht gibt», erzählt Gloor, «man hat sich noch getraut». Am meisten Mut brauchte es für das Dach. Wie ein Tuch überdeckt es elegant den Theaterturm und den Rest des Baus. Es ist nur 12 Zentimeter dünn. Dabei ist es aus Beton und fast 1000 Tonnen schwer. Der Ingenieur Heinz Hossdorf hat es mit René Guillod als Weltneuheit konzipiert. «Mit Leuten aus Harvard, mit der Spitze der Weltforschung», sagt Gloor.

Doch im Zentrum sollten letztlich nicht architektonische Besonderheiten stehen, sondern die Zuschauer. Die Architektur soll ihnen dabei helfen, sich gut zu fühlen und angenehm durch die Räume geführt zu werden. Das grosse Foyer mit dem Kokosteppich vermittelt Übersicht und Behaglichkeit zugleich. Und jeder Zuschauer, der schliesslich von links oder rechts unten den Theatersaal betritt, bekommt so seinen eigenen Auftritt. Gleichzeitig kann man sich nach bekannten Gesichtern umschauen. «Sehen und Gesehen werden», sagt Gloor. Ein soziales Theatererlebnis, das nun mit den neuen Zugängen zu einem grossen Teil zerstört werde (siehe Kasten unten).

«Alle Zuschauer sind gleichwertig», sagt Gloor, «es gibt keine Loge, keine Klassendifferenzen». Die leicht gebogenen Reihen mit den nah aneinander gerückten Sitzen verstärkten die Gemeinschaft. «Es ist, wie wenn man an einem runden Tisch zusammen isst und nicht an einem geraden.» Das Theater als intimes, geteiltes Erlebnis.