Heiss umworben ist die hawaiianische Prinzessin Laya. Doch sie kann sich nicht entscheiden. Gleich zwei prestigeträchtige Männer hängen sprichwörtlich an ihr: An einem Arm zerrt der amerikanische Kapitän Stone, am anderen der hawaiianische Prinz Lilo-Taro. Beide im Schlepptau furcht sie über die Bühne des Theaters Basel und zieht sie wie zwei nasse Säcke hinter sich her. Ein Kraftakt ist diese Entscheidung – für die Heimat oder für die Moderne? Und vor allem: Wer liebt sie mehr?

Die Operette «Die Blume von Hawaii» des Berliner Operetten-Königs Paul Abraham, 1931 in Leipzig uraufgeführt und derzeit in einer Inszenierung von Frank Hilbrich in Basel zu sehen, überzeugt mit ihrer ironisch-bröckelnden Prunkfassade und einer grossartigen schauspielerischen Ensemble-Leistung.

Trailer – Die Blume von Hawaii

Doch die Publikumsplätze im grossen Haus mag sie noch nicht zu füllen. Ein Grund sind sicher die zahlreichen Aufführungen, die angesetzt wurden; ein anderer das schlechte Image der Operette. Sie ist verkannt als kleine, banale, nicht ganz ernstzunehmende Schwester der Oper, die seichte bis kitschige Unterhaltung bietet.

Dabei ist die Operette von ihren Ursprüngen her auf sarkastische und drastische Gesellschaftskritik angelegt – allen voran in den Werken Jacques Offenbachs, der als Erfinder dieses Genres gilt. Auch in den Wiener Operetten von Johann Strauss, Franz Lehár und Co., während der bedeutendsten Epoche dieses Genres zwischen 1860 und 1920, diente sie als kritische Darstellung einer dekadenten Gesellschaft. Das Prinzip war, eine heile Scheinwelt zu zeigen, die innerlich verrottet ist.

Beissende Doppelmoral

Frank Hilbrich interpretiert nun die «Blume von Hawaii» in diesem Sinne mit einem subversiven und radikalen Ton. Sein «Paradies am Meeresstrand» gibt es nur noch in den sehnsuchtsvollen, nostalgischen Melodien. Der imperialistische Gestus der Amerikaner wirkt lächerlich bemüht. Prinzessin Laya ist eine Opportunistin par excellence. Gekonnt deckt Hilbrich die Doppelmoral und unreflektierte Sehnsuchtsprojektionen der Personen auf.
Paul Abraham, ungarisch-deutscher Komponist jüdischer Abstammung, schrieb seine Operette in einer Zeit, in der das Genre seinen Zenit bereits überschritten hatte. Er modernisierte sie, in dem er viele beschwingte und eingängige Stücke als Jazz-Nummern schrieb. Auch näherte er sich der Revue an, in dem er die Handlung in den Hintergrund rückte und Raum für möglichst viele Musiknummern liess.

Der schlechte Ruf

Frank Hilbrich gelingt es, diese Revue-Nummern mit viel Witz und Ironie zu choreografieren, sodass sie die Handlung weitererzählen und nicht beliebig wirken. Von Schmalz und Mief ist bei ihm keine Spur. Dieser schlechte Ruf entstand erst in der Nachkriegszeit, als die schönsten Melodien im Pathos-Waschgang weichgespült wurden. Anneliese-Rothenberger-Shows und Film-Operetten mit Peter Alexander und Rudolf Schock prägten ein neues, oberflächliches Image der Operette, in der die heile Scheinwelt ernster genommen wurde als der kritische Ansatz. Hinzu kamen spiessige und kitschige Theaterinszenierungen, die die ursprüngliche Frechheit und Angriffslust der Operette völlig vermissen liessen.

Seit 1945 sind kaum neue Operetten entstanden. Dafür kam mit dem Musical ein Genre auf, das in der Mischung aus Musiknummern, Dialogen und Tanzeinlagen der Operette ähnelt, sich in seinem unterhaltenden und kommerziellen Anspruch allerdings vom historischen Vorläufer unterscheidet.

Fort mit den Vorurteilen

Wenn heute auch keine neuen Operetten mehr geschrieben werden, von den Spielplänen war sie nie verschwunden. So erlebte auch Basel mit Herbert Wernickes Inszenierungen vom «Weissen Rössl» oder der «Fledermaus» einst Sternstunden der subversiven Operetten-Kunst. Eine neue Welle zeichnet sich seit 2013 ab, als der Regisseur und Intendant Barrie Kosky die Leitung der Komischen Oper Berlin übernahm und dort selbst zahlreiche Operetten, unter anderem auch die «Blume von Hawaii» inszenierte.

Was die Basler Version auszeichnet, ist die Wahl der Mitwirkenden. Während die Parts meist von Opernsängern übernommen werden, sind es hier wie ursprünglich üblich Schauspieler. Der nicht opernhaft perfekte Gesang passt zur subversiven Stimmung, die für die Figuren im Opportunismus endet. Die Paare fügen sich pragmatisch zusammen, sie enden oberflächlich happy, aber innerlich entzaubert.

Die Operette auf der Couch

Pavel B. Jiracek, der designierte Operndirektor des Theaters Basel, will mit der neuen Veranstaltungsserie «Operetten-Couch» mit den alten Vorurteilen aufräumen. Er erklärt: «Die Klischees, die der Operette heute anhaften, werden ihr nicht gerecht. Was nach dem Zweiten Weltkrieg Richtung Kitsch gedreht wurde, war mal Gesellschaftskritik und Plattform für alles Quere in der Gesellschaft. Ich selbst liebe die Operette über alles, ja, ich brenne für sie.» Mit musikalischen Ausschnitten und einer kontextualisierten Werkgeschichte wird jeweils eine Operette vorgestellt. War die erste «Operettencouch» in der Monkey Bar noch locker besucht, so platzte sie zuletzt aus allen Nähten.

«Die Operette ist nicht tot», proklamiert Jiracek zu Recht. Aber sie ist noch dabei, sich von ihrem Schmalz-Image zu befreien und ihr kritisches Funkeln neu zu entfalten, mit dem sie auch die grössten Blender enttarnt.

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Was hat Heavy Metal mit Operette zu tun? Wir haben den diesjährigen Pop-Preis Gewinner und Metal-Musiker Manuel Gagneux (Zeal & Ardor) ins Theater Basel geschickt und Überraschendes erfahren.