Ende September ereignete sich in Basel dieses Hickhack um einen kleinen Schritt von der analogen in die digitale Welt. Die Beteiligten diskutierten in den sozialen Netzwerken, Pressemitteilungen wurden versandt: «Theater Basel kämpft für Live-Streaming» hiess ein Hilferuf. Was war da los?

Alles hatte so schön angefangen: Das Team um Intendant Andreas Beck hatte Grosses vor in seiner ersten Spielzeit. Die Schweizer Erstaufführung einer Stockhausen-Oper sollte das erste Saisonende krönen: «Donnerstag» aus dem «Licht»-Zyklus. Sechs Stunden zeitgenössische Musik, solistisch, kammermusikalisch, orchestral, atonal und melodiös, komplex und sinnlich, mit Live-Elektronik, Raumklang und Theater. Seit 31 Jahren war diese Oper nicht mehr aufgeführt worden. Eine grosse Chance, das Theater Basels wieder international ins Gespräch zu bringen.

Das schwierige Erbe

Doch Stockhausen war nicht irgendein Komponist. Stockhausen war ein Klangvisionär. Und obschon er seit bald zehn Jahren tot ist, lebt er weiter: In seinen ehemaligen Lebenspartnerinnen, die gleichzeitig die Stockhausen-Stiftung verkörpern. Sie wachen über den rechtsmässigen Umgang des musikalischen und geistigen Erbes von Stockhausen. Und urteilen über richtig oder falsch.

Zunächst hat das Theater Basel alles richtig gemacht: Hat die üblicherweise kostenpflichtigen Aufführungsrechte grosszügig bezahlt, um die aufwendige Produktion auch im Internet übertragen zu können. Hat zahlreiche seiner Musiker und Sängerinnen ins deutsche Kürten zur Stockhausen-Stiftung geschickt, damit sie in Kursen die «richtige» Art und Weise erlernen, Stockhausens Musik zu spielen und zu singen. Hat mit Kathinka Pasveer eine der ehemaligen Lebenspartnerinnen Stockhausens und ein Stiftungsmitglied mit ins Boot geholt: Sie hat bei allen Aufführungen die Live-Elektronik bedient. Und sie hat auch im Probenprozess immer wieder mit Regisseurin Lydia Steier diskutiert, wenn sich die Inszenierung wieder einmal zu weit von der nahezu alles festlegenden Partitur entfernen wollte.

Beflügelt von den jubelnden Kritiken nach der Premiere im Juni kündigte das Theater Basel im September die verbleibenden drei Aufführungen an, mit Hinweis auf den Live-Stream und die Möglichkeit, die Aufführung 14 Tage lang im Netz nachschauen zu können.

Doch plötzlich war nicht mehr alles richtig. Plötzlich fand die Stockhausen-Stiftung, Lydia Steiers Inszenierung habe die Partiturvorgaben missachtet und die Handlung in wesentlichen Aspekten so verändert, dass die Kernaussage nicht mehr nachvollziehbar sei.

Weitere Mitglieder der Stockhausen-Stiftung schrieben mit ihrer Kritik Beteiligte der Produktion direkt an und stiessen in den sozialen Netzwerken einen «Shitstorm» über die Inszenierung an. Dies erzeugte grosse Verunsicherung bei den Musikerinnen und Sängern kurz vor der Wiederaufnahme. Schliesslich war allen bekannt, dass die Stockhausen-Gemeinde nicht über künstlerische Freiheit diskutiert. Nicht umsonst fiel mehrfach der Vorwurf der Blasphemie ans Basler Theaterteam.

Rettendes Kritikerurteil

Dass nun ausgerechnet das Internet-Streaming das Bauernopfer dieses ästhetischen Streits werden sollte, liess das Theater nicht auf sich sitzen. Ein Anwalt kümmerte sich um die rechtliche Lage, die auf diesem neuen Gebiet des Streamings allerdings noch nicht eindeutig ist. Wie ein «Deus ex Machina» erschien dann am Donnerstag der Wiederaufnahme das Kritikerurteil einer internationalen Jury: Die Basler Inszenierung von «Donnerstag aus ‹Licht›» ist als Opernaufführung des Jahres ausgezeichnet worden.

Im allerletzten Moment haben sich beide Seiten dann doch noch geeinigt, das Live-Streaming konnte stattfinden. Bezahlt hatten es die Basler ohnehin; und mit der Firma sonostream.tv einen erfahrenen, technisch bestens aufgestellten Partner an der Seite, der erst noch einen Grossteil der Kosten selbst übernahm. Schliesslich gibt es nicht alle Tage eine Stockhausen-Oper zu streamen – beste Werbung für den Streaming-Anbieter. 2239 Nutzer haben sich die Oper bereits im Internet angesehen. Sie alle mussten vorab die Stellungnahme der Stiftung lesen, in der sie sich «von der teilweise sinnentstellenden, verfälschenden Inszenierung» distanziert. Doch das Theater Basel will den eingeschlagenen Weg weitergehen.

Im April 2017 soll die Oper «Satyagraha» des amerikanischen Minimal Music-Komponisten Philip Glass gestreamt werden. Glass (79) reagiert anders als die Stockhausen-Erben: Er freut sich auf das Streaming. So können all seine amerikanischen Freunde, die nicht mit ihm nach Basel reisen, seine Oper live im Internet verfolgen.

«Donnerstag aus Licht» ist noch bis zum 16. 10. im Netz zu sehen unter:
https://sonostream.tv