Millionen Tiere tragen bereits einen Chip in sich. Und jetzt sind wir Menschen dran. Natürlich alles zu unserem Besten. Indem wir unsere Hand über ein Lesegerät halten, entledigen wir uns jeglicher Ausweise, Karten und vor allem dem Bargeld und der Kreditkarte. Der Betrag wird einfach von unserem Konto abgehoben, nur dass die Karte eben in unserer Hand steckt. Nicht nur Geld, alles, wirklich alles wird auf den Chip geladen – hört sich doch toll an, nicht wahr?

Lediglich 160 Euro kostet ein solcher Chip und in Stockholm in Schweden kann man sich bei sogenannten «Chip and Beer»-Treffen einen RFID-Chip einpflanzen lassen, während man ein kühles Blondes geniesst. Die Prozedur dauert nicht einmal zehn Minuten, das heisst, man hat wahrscheinlich den Chip schneller eingepflanzt, als man das Bier geleert hat. Weltweit gibt es bereits 10 000 solcher Chipträger, 5000 dieser Cyborgs leben im technikbegeisterten Schweden.

Doch warum haben sich bereits so viele Menschen einen Chip eingepflanzt? «Warum denn nicht?», lautet die Antwort der jungen Bioelektronik-Unternehmen, denn schliesslich ist die technische Optimierung des menschlichen Körpers der nächste Schritt in der Evolution. Schneller, einfacher, besser, effizienter lautet das Motto. Die Chips arbeiten mit NFC-Technologie. Jeder, der seine Kreditkarte oder sein Handy an ein Lesegerät gehalten hat um für etwas zu bezahlen, hat Gebrauch von dieser Technologie gemacht, die vielleicht bald ein Teil von uns sein wird.

Wer nicht daran glaubt, dass der RFID-Chip das Potenzial hat, unsere Gesellschaft zu infiltrieren, dem führe ich das Beispiel des Mobiltelefons vor Augen. Als vor rund 25 Jahren das erste Modell auf den Markt kam, wurde es mit derselben Skepsis empfangen wie der RFID-Chip heute. Unsere Eltern waren damals die Zielgruppe dieses neuen Produktes und sie beäugten es mit Vorsicht. Wer hätte damals gedacht, dass sich in Primarschulzimmern mal prall gefüllte Handykörbe befinden würden? All dieser Fortschritt in nur 25 Jahren!

Doch bevor unsere Kinder zu Chipträgern werden, muss unsere Generation überzeugt werden – und an uns kommen die nicht vorbei! Aber was passiert, wenn auf einmal alle Zeitungen und Nachrichtensendungen unablässig von der Zukunft im Reiskorn-Format berichten, wenn sich alle unsere Lieblingssänger, Rapper, Schauspieler, Sportler, Realitystars, A-, B-, C- und D-Promis einen Chip implantieren lassen? Wenn die Werbemaschinerie so richtig läuft, wenn jeder, den wir kennen, sich einen Chip implantiert, werden wir dann wirklich widerstehen können?

Wir schütteln den Kopf bei der Vorstellung, dass unsere Konsumlust uns dazu bringt, uns einen Chip unter die Haut zu jagen. Wir schüttelten auch den Kopf, als wir vom Preis und von der fragwürdigen Gesichtserkennung beim neuen iPhone X hörten. Trotzdem werden wir uns, wenn wir den Handyvertrag verlängern, das iPhone X zulegen. Die jetzigen Chips enthalten wichtige Informationen, anhand derer man das Kauf- und Reiseverhalten, die Adresse und den Gesundheitszustand des Besitzers in Erfahrung bringen kann. Features wie GPS zählen bald auch zum Repertoire der RFID-Chips und machen uns noch überwachbarer.

Die Biotechnologie-Konzerne bestimmen über das Angebot, aber wir als Konsumenten legen die Nachfrage fest. Der technische Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, muss auch nicht, denn er dient dem Menschen. Es sollte jedoch zwischen Fortschritt für den Menschen im Sinne einer Lebensqualitätsverbesserung und Fortschritt für Milliardenkonzerne und deren Einnahmen unterschieden werden.

Ich habe kein Problem damit, meinen Hausschlüssel ein paar Sekunden vor der Haustüre in meinen Jacken und Hosentaschen zu suchen. Wenn ich ganz ehrlich bin, will ich meinen guten alten Schlüssel und meinen hässlichen Schlüsselanhänger nicht durch einen Chip ersetzen, allein, weil sie immer wieder für Gesprächsmaterial sorgen, da mir niemand glauben will, dass ich für dieses Teil ein «H» im Werkunterricht in der OS bekommen habe.

Wahrscheinlich kommen irgendwo auf der Welt gerade zwei Menschen aufgrund eines Schlüsselanhängers ins Gespräch und heiraten in ein paar Jahren. Hässliche ID- und Passbilder sorgen auch immer wieder für Lacher, wieso sollte man so was ersetzen? Die Zeit vergeht schneller, als man denkt, und bald muss sich jeder selbst die Frage stellen, ob er einen RFID-Chip will oder nicht. Aber ich hoffe, ich konnte sie kurz zum Denken anregen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.