Corona-Virus
Das war Krisentag #1: Was in Basel und der Region noch funktioniert – und was nicht

Tag Eins nach der Ausrufung des Notstands. Ein Augenschein im fast stillgelegten Basel.

Patrick Marcolli, Ayse Turcan
Merken
Drucken
Teilen
Ein Augenschein im fast stillgelegten Basel.

Ein Augenschein im fast stillgelegten Basel.

Juri Junkov

Ein älterer Mann in einem dunkelblauen Pullover tritt auf einen Mitarbeiter der Mobile Zone-Filiale zu. Es ist einer der wenigen Läden, die am Barfüsserplatz geöffnet sind. «Gewerbepolizei! Warum haben Sie geöffnet? Das ist verboten», sagt der Mann mit ernster Stimme. Der Chef habe das so angeordnet, sagt der Mitarbeiter mürrisch und zieht an seiner Zigarette. Die Verkaufsstellen von Telekommunikations-anbietern sollen laut Weisung vom Bundesamt für Gesundheit offen bleiben, erklärt ein anderer Mitarbeiter dem älteren Herrn in Innern des Ladens. Dieser fängt an zu lachen. Er hat sich bloss einen Spass erlaubt, aber für einen kurzen Moment lang waren alle verunsichert – wer kann seinen Laden geöffnet halten und was darf man noch überhaupt noch tun?

Baustellen als Zeichen des Lebens in der Innenstadt

In den Trams, die vom Barfüsserplatz Richtung Schifflände fahren, sitzen noch vereinzelt Personen, allerdings meist mit einem Sicherheitsabstand von mehreren leeren Sitzreihen. An der Schanzenstrasse sehen wir menschenleere Busse passieren. Während der Verkehrslärm abgenommen hat, ist das Hämmern und Rattern der Baustellen plötzlich umso präsenter. Sie sind es, die den heutigen Tag punkto Stadtbild und Geräuschkulisse von einem Sonn- oder Feiertag unterscheiden.
Fast an jeder Ecke leuchtet uns die Arbeitskleidung von Bauarbeitern und Strassenwischern entgegen, der Baustellenlärm wirkt für einmal nicht nervtötend, sondern beruhigend. Er vermittelt Normalität. Das Leben geht weiter.

Statt dem gläsernen Haupteingang ein metallener Rolladen: Der «Globus» am Marktplatz ist geschlossen. Inklusive der Lebensmittelabteilung. Die Dame, welche die letzten Sushi aus der Vitrine räumt, reagiert auf unser Klopfen am Fenster sehr freundlich, tippt in ihr Handy und hält uns den Text dann zum Lesen an die Scheibe: «Geschlossen bis auf weitere Massnahmen».

Die Klingental-Fähre bleibt meistens leer

Andere Warenhäuser haben weiterhin geöffnet, die Atmosphäre erinnert aber, wie etwa in der Manor, an eine Mischung aus Tatort und Baustelle: Ein rot-weisses Plastikabsperrband trennt den verbotenen vom erlaubten Teil. Zu den Kisten mit Schoggihasen darf man, zu den Kosmetikprodukten nicht. Das sieht improvisiert aus und das Personal irrt an diesem Morgen noch etwas ziellos umher.
In der Greifengasse treffen wir auf Lucien Stöcklin. Der Regisseur des diesjährigen Charivari hat seinen Coiffeursalon an der Hammerstrasse schliessen müssen. Ab sofort also keine Einnahmen mehr. Und das auf unbestimmte Zeit. Stöcklin nimmt es vorerst gelassen und sagt, er freue sich nun erst einmal auf etwas mehr freie Zeit für sich selbst.

Von der Mittleren Brücke aus sieht man auf dem sonst ruhig dahinfliessenden Rhein die Klingental-Fähre an das linke Ufer übersetzen. «So lange der öffentliche Verkehr noch fährt, ist die Fähre in Betrieb.» Urs Zimmerli erzählt uns, so schlecht sei es noch nie gelaufen, seit er 1992 als «Fährimaa» angefangen habe. Weder in der Zeit der Schweinegrippe, des Rinder-Wahnsinns noch während der letzten Finanzkrise habe er so etwas gesehen. Was er nicht verstehen kann, ist, dass die Fähre seit Tagen meist leer bleibt, während am Rheinufer auf der Kleinbasler Seite immer noch Hunderte von Personen dicht an dicht in der Sonne sitzen. «Das geht mir nicht in den Kopf», meint er.

Das sieht der Kanton ähnlich: Am Dienstag hat der Regierungsrat die Bevölkerung dazu aufgerufen, sich nicht für längere Zeit in Erholungsräumen im Freien aufzuhalten. Picknicks und Grilladen sind verboten, bei der Nutzung von öffentlichen Parks und dem Rheinbord soll Zurückhaltung geübt werden. Das hatten am Sonntag noch nicht alle verstanden. Zu Hunderten sassen die Basler am Sonntag und Montagnachmittag am Rheinufer und genossen die Sonne. Ein Bild, dass Dana Pöscher schockierte: «Als ich sah, wie sich die Leute am Rheinufer verhalten, war für mich schon klar, dass ich meine Buvette nicht eröffnen werde. So unverantwortlich, wie manche Leute aufeinandersitzen.» Auch für Bettina Larghi von der Buvette Flora ist nach den Weisungen der vergangenen Tage klar, dass die Getränke- und Food-Kioske am Rhein vorerst geschlossen bleiben.

Joggen zur Bekämpfung von Ängsten und Langeweile

Immer noch erlaubt ist hingegen explizit das Spazieren und Joggen. Eine Freiheit, die viele auskosten: Nicht nur am Rheinufer, auch in den Quartieren sehen wir zahlreiche Menschen in Sportkleidung vorbeirennen. Was die Absicht dahinter ist, können wir nur erahnen: Einige wollen wohl etwas für ihre Gesundheit tun, andere suchen eine Beschäftigung. Und ein paar versuchen mit Sicherheit, vor der Krise wegzurennen.

Baselbieter Regierung krebst zurück: Hotels dürfen nun doch offen bleiben

Regeln des Bundesrates übersteuern die von der Baselbieter Regierung beschlossenen. Diese weist den Vorwurf zurück, vorgeprescht zu sein.

Sind im Baselbiet die Hotels noch geöffnet? Darf ich noch zum Coiffeur? Diese und andere Fragen zu den Massnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus sorgten Anfang Woche für Verunsicherung. Dies teilweise auch deshalb, weil sich die von der Baselbieter Regierung am Sonntag beschlossenen Massnahmen in Details nicht mit jenen des Bundesrates vom Folgetag deckten. Gestern Nachmittag nun die Klärung: Bundesrecht hat Vorrang, betont die Baselbieter Regierung in ihrem Entscheid von gestern Dienstag. Dies bedeutet, dass jene kantonalen Massnahmen, die im Widerspruch zu denjenigen des Bundes stehen, übersteuert werden. Diese waren aber zumindest 18 Stunden lang, vom Montagmorgen 6 Uhr bis um Mitternacht, in Kraft, wie die Regierung ebenfalls betont.

Shutdown: Bundes-Regel lockerer als die vom Baselbiet vorgesehene

Die Hotels dürfen also entgegen der Ankündigung der Regierung vom Sonntag doch offen bleiben, umgekehrt müssen die Coiffeursalons wie anderswo in der Schweiz schliessen. Unsicherheiten gab es nicht nur im Landkanton in Bezug auf Veloläden. Fakt ist: Reparaturwerkstätten und dergleichen – analog zu Tankstellen für den motorisierten Verkehr – stehen den Velofahrern weiterhin zur Verfügung; Verkaufsläden hingegen müssen dicht machen. Auch punkto Dauer passt sich das Baselbiet dem Bund an und nimmt seine restriktivere Regel zurück: Die Notlage-Massnahmen gelten nun bis mindestens 19. April, noch am Sonntag war im Baselbiet vom 30. April die Rede.

Man begrüsse die nationale Harmonisierung auf der Basis der ausserordentlichen Lage ausdrücklich, schreibt die Baselbieter Regierung in ihrem Beschluss. Zur Umsetzung der neuen Verordnung des Bundesrates habe sie den Fortbestand der am Sonntag ausgerufenen Notlage beschliessen müssen, erklärt Regierungssprecher Nic Kaufmann. Bestandteil des gestrigen Beschlusses sind zudem einige ausführende Massnahmen, die in die Zuständigkeit des Kantons fallen. Darunter fällt etwa das bis mindestens am 19. April geltende Besuchsverbot für Spitäler, Alters- und Pflegeheime sowie andere Institutionen, die Risikogruppen betreuen. Oder die Ermächtigung der kantonalen Behörden, zur Bewältigung der Notlage wenn nötig von Privaten Ressourcen wie Personal, Dienstleistungen oder Unterkünfte einzufordern. Schliesslich verfügt der Kanton nun in allen Spitälern einen Aufnahmestopp für planbare Behandlungen. Von nicht sofort notwendigen medizinischen Eingriffen sei abzusehen, heisst es in der Regierungs-mitteilung.

Baselbiet als Vorbild für neuen Entscheid des Bundesrates?

Den Vorwurf, die Baselbieter Regierung habe mit ihrem Vorpreschen Unsicherheiten geschürt, kommentiert Kaufmann mit ähnlichen Worten wie es die Regierung am Sonntag mit dem Ausruf der Notlage getan hatte: «Die Situation mit Neuinfektionen sei in den vergangenen Tagen derart eskaliert, dass es wichtig war schnell zu reagieren.» Ein einzelner Kanton könne das; dass der Bundesrat am Folgetag abgesehen von kleinen Details zum gleichen Schluss gekommen sei, bestätige, dass die Baselbieter Regierung richtig gehandelt habe. «Ob unser Entscheid gar eine Katalysatorfunktion für jenen des Bundesrats hatte, sollen andere beurteilen», sagt Kaufmann. Baselland rief am Sonntag als erster Deutschschweizer Kanton die sogenannte Notlage aus.

Hans-Martin Jermann