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Das Warten auf den «Wink des Universums» – Strafverteidiger Alain Joset

Spektakuläre Fälle haben aus Alain Joset einen der prominentesten Strafverteidiger Basels gemacht. Nun ist er 46 – und sinniert bereits darüber, den Job an den Nagel zu hängen.

Leif Simonsen
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Alain Joset hat sich einen Namen damit gemacht, die einfachen Leute vor Gericht zu vertreten.

Alain Joset hat sich einen Namen damit gemacht, die einfachen Leute vor Gericht zu vertreten.

Kenneth Nars

Die Messlatte lag immer hoch. Alain Josets Vater Pierre war ein erfolgreicher Anwalt, und viele erwarteten vom ältesten Sohn, dass er in dessen Fussstapfen treten würde. Der wehrte sich und wollte nichts davon wissen – vergeblich, wie sich herausstellen sollte.

Heute ist Alain Joset selbst ein angesehener Strafverteidiger, also besteht eigentlich kein Grund für einen Vater-Komplex. Aber nun, da er 46 Jahre alt ist, beginnt er sich wieder zu vergleichen. Mit 50 stieg sein Vater aus dem Job aus, weil er von einem Mandanten so angefeindet wurde, dass er undercover zur Arbeit musste. Der empfindet es heute als «Wink des Universums», dass er damals seine Juristenkarriere schmiss und nach Australien auswanderte.

Auch sein Sohn sinniert über neue Herausforderungen. «Aber mit 50 werde ich nicht ausgesorgt haben wie er», sagt Joset mit einem Lachen. «Von dem her muss ich noch ein paar Jahre Fachidiot bleiben.» Immerhin ist er heute ein «Fachidiot» von Format. Er hatte einige der spektakulärsten Fälle, vertrat FCB-Hooligans, Sektengurus sowie die Breitenbacherin, die des Babymords beschuldigt wurde. Nationale Berühmtheit erlangte Joset, als die «Rundschau» auf SRF einen Beitrag über die zweifelhaften Überwachungsmassnahmen gegenüber der verdächtigten Mutter, Josets Mandantin, ausstrahlte.

Zu viele Gesetze

Im Journalismus ist von Seitenwechsel die Rede, wenn der Wunsch nach mehr Lohn und weniger Arbeitszeit Überhand gewinnt und man Mediensprecher wird. Bei den Anwälten werden viele Richter, wenn sie es gemütlicher nehmen wollen. Doch das ist keine Option für Joset. «Macht interessiert mich nicht. Ich will ein Stachel im Fleisch sein, kämpfe lieber für Freiheit, als Menschen zu verurteilen.»

Und so ärgert er sich ganz gern auch medienwirksam über harte Gerichtsurteile oder unverhältnismässige Massnahmen im Strafvollzug. Beim Saubannerzug, der im Juli 2016 durch die Stadt zog, warf er der Staatsanwaltschaft vor, die Angeklagten in Solidarhaft zu nehmen. Beim angeblichen FCB-Hooligan und der einmonatigen U-Haft warf er dem Basler Justiz-Direktor Baschi Dürr «Symbolpolitik» vor, was dieser gar nicht goutierte. Im «Bund» monierte Joset vor kurzem, dass den Vollzugsbehörden heute der Mut fehle, selbst bei geringem Risiko Straftäter in die Freiheit zu entlassen.

Kaum einer kritisiert das System, das ihn ernährt, so schonungslos wie Joset. «Viele unserer Lebensbereiche sind kriminalisiert worden.» Joset würde Strafnormen wie groben Unfug, Littering oder Drogenmissbrauch ersatzlos streichen. Deshalb wehrt er sich dagegen, in die linke Ecke gestellt zu werden. Zwar vertritt Joset sehr oft verletzliche, hilflos scheinende Menschen.

Handkehrum verfolgt er den «urliberalen» Gedanken, wonach jeder selbst für sein Handeln verantwortlich ist – solange es nur für ihn selbst schädlich ist. «Drogen sollten legal sein, genauso wie das Recht auf Selbsttötung.» Auch kritisiert er den Staat, der den Kampf gegen die Drogenkriminalität zum Anlass für immer weiterreichende Überwachungsmassnahmen gegen Privatpersonen genommen hat.

Drogen sollten legal sein, genauso wie das Recht auf Selbsttötung auch verfassungsmässig verankert ist.

Seit 17 Jahren befindet sich Joset nun im Kampf für die Freiheit. Für seine Mandanten. Vielleicht hat er darob sein eigenes Bedürfnis nach Freiheit vernachlässigt. Joset sagt, er habe ein «ziemlich lineares Leben» geführt, sei nie wirklich ausgebrochen. Dank seines Ehrgeizes und Fleisses schaffte er vieles, das ihm nicht zugetraut worden war. Denn es war nicht so, dass Joset schon früh durch ausserordentliche Leistungen auf sich aufmerksam gemacht hätte.

Nach der Primar war unklar, ob er ins Progymnasium oder in die Sek gehörte. Stattdessen ging er in die Steiner-Schule. Nach sechs Jahren wurde es ihm da zu viel des «Paternalistischen». «Dass jeder wusste, was für mich gut ist und was nicht: Das ertrug ich nicht mehr», sagt Joset.

Für die Matur, die er knapp («Das war die anstrengendste Zeit meines Lebens») schaffte, wechselte er wieder ans Gymnasium und entschloss sich nach einem Praktikum in der Kanzlei seines Vaters, Jus zu studieren. «Im Gegensatz zu vielen anderen wusste ich da schon, dass ich Anwalt werden wollte», sagt er. Am rebellischsten war die Zeit, in der er als Student der Universität Fribourg zum Anwalt reifte. «Ich hab als Student fast alle Drogen ausprobiert», sagt er. Aber den Fokus verlor er nie aus den Augen.

Selbst die Anwaltsprüfung schaffte er mit weniger Aufwand als die Matur. Bereits mit 30 durfte Joset als Partner in einer Anwaltskanzlei in Liestal einsteigen und stieg zu einem «unglaublich guten Strafverteidiger» auf, wie sein Berufskollege Christian von Wartburg sagt. «Er ist nicht nur engagiert, sondern auch analytisch hoch begabt», sagt dieser, um gleich mit einem Lachen anzufügen: «Objektiv bin ich nicht. Ich bin der Götti seiner Tochter und arbeite mit seiner Frau zusammen.» Von Wartburg verweist aber auf den Leistungsausweis Josets. Oft habe er vor Bundesgericht gewonnen, sogar vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte war er siegreich, als es um Meinungsäusserungsfreiheit ging.

Andere, die gelegentlich am Gericht sind, klingen weniger überschwänglich, aber im Tenor positiv. Joset wirke vielleicht etwas nüchtern, sei kein Spektakelmacher, aber einer, der mit seiner Pedanterie für seine Klienten alles raushole – und den Staatsanwälten und Richtern selbst die kleinsten Verfahrensfehler um die Ohren haut.

Erste Gehversuche als Autor

In etwas mehr als drei Jahren wird Joset 50 Jahre alt. Auch wenn er weiss, dass er länger arbeiten wird als sein Vater, brütet er bereits an seiner «Exit-Strategie», wie er sie nennt. «Andere arbeiten, bis sie senil sind. Das werde ich nicht tun.» Einfach die Reissleine zu ziehen und ans andere Ende der Welt zu ziehen, kommt die nächsten Jahre ohnehin nicht infrage. Er ist Vater eines 14-jährigen Sohns und einer 12-jährigen Tochter, die «mich immer noch brauchen».

Irgendwann, so sagt er sich vielleicht, kommt bei ihm genauso wie bei seinem Vater der «Wink des Universums». Womöglich weist er ihm ja den Weg in die Literatur. Jüngst hat Joset seine erste Kurzgeschichte publiziert, die unverkennbar seine Handschrift trägt. Sie handelt von Andrej, einem schuldbewussten osteuropäischen Einbrecher, der nur aus Not in fremde Häuser eindringt. Und was ist die Rolle der Justiz in dieser kleinen Geschichte? Sie agiert kühl und rücksichtslos, als sie den Einbrecher ausschaffen lässt.