Sein Schicksal ist hart. Prominent steht es da, zwar nicht direkt an der Strasse, aber doch unübersehbar, und wird missachtet. Selbst Nachbarn ignorieren es, wenn auch nicht böswillig. Dabei hätte es viel zu erzählen, könnte es denn sprechen.

Aber wie auch? Es ist ein Häuschen aus Fachwerk und Stein. Unmöglich kann es schildern, wie das war, als Künstler wie Ferdinand Hodler oder Cuno Amiet anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums der Gesellschaft Schweizerischer Maler und Bildhauer 1897 im Garten des Häuschens ein Zvieri zu sich nahmen, das ausschliesslich aus Bier bestand. Oder wie es sich anfühlte, lange vor diesem Zvieri landwirtschaftlichen Geräten als Lagerraum zu dienen.

Seit über 400 Jahren steht das Wettstaihüüsli an einer seit Jahrzehnten stark befahrenen Kreuzung im Kleinbasel. Wo die Riehentorstrasse heute zur Riehenstrasse wird und Busse und Autos den Claragraben in Richtung Wettsteinplatz passieren, wurde es 1571 als privates Wochenendhaus ausserhalb der damaligen Stadtmauer erbaut. Seine Umgebung hat sich seither stark verändert: Dominierten früher Felder mit Reben, reihen sich jetzt Betonklötze aneinander. Nicht wenige sind Schulen; sie machen die direkte Nachbarschaft des Häuschens aus. Das kommt den Kindern, die dort büffeln, bald zugute.

Zschokke-Tochter und vier Männer

2018, ein Morgen im Dezember. Zu fünft sitzen sie im Anbau, der streng genommen kein Anbau ist, sondern ein sehr nahe ans Original gebautes Nachbarshäuschen. Michele Cordasco legt wert auf dieses Detail, «sehen Sie», sagt er und zeigt in die Spalte, «Architekt Ruedi Christ hat das Atelier aus Respekt gegenüber dem alten Haus nicht angebaut und es erst noch passend im Fachwerk-Stil entworfen.»

Cordasco ist Bildhauer und euphorisch. Wäre er das Gegenteil, nämlich frustriert, hätten seine Kollegen ein Problem. Denn seine Euphorie ist ansteckend, auch morgens in der Kälte. Wobei es drinnen warm ist, das Feuer im Ofen brennt, Kaffee aus dem Thermoskrug wird gereicht, Gipfeli. Vier Männer und eine Frau reden über Kinder als Bildhauer, über Skulpturen als Bühnenbild, die Auferstehung des Ortes.

Die einzige Frau ist Petra Zschokke. Sie kennt das Häuschen, seit sie auf der Welt ist. Ihr Vater Alexander Zschokke sollte zur Verschönerung des Platzes beim Kunstmuseum einen Brunnen bauen. Bloss: Wo? «Drei Lebensalter» sollte ein hohes Werk werden, etwas Überragendes. Um so etwas in Gips zu formen, braucht es einen hohen Raum. Einen solchen bekam der Bildhauer 1937 in Form des Atelier-Neubaus, wo jetzt seine Tochter Gipfeli isst. Das Häuschen daneben gehörte dazu und war schon längst im Besitz der Stadt. Vater Zschokke wirkte Jahrzehnte dort. Seit seinem Tod 1981 gehört das Atelier seiner Tochter, das Wettstaihüüsli hat sie von Immobilien Basel-Stadt gemietet.

Lange kümmerte sich der Bildhauer Joseph «Seppi» Bossart um die Häuschen, indem er darin arbeitete. Er sorgte dafür, dass sein Staub die Werke Alexander Zschokkes nicht beschädigten und das Ganze nicht vergammelte. Noch immer stehen die Werke im Atelier. Und bröckeln langsam vor sich hin. «Das darf nicht sein», sagte sich Petra Zschokke, nachdem Bossart 2015 starb – und fand im euphorischen Bildhauer die Lösung.

Dieser hat eine Vision. «Wir möchten diesen Ort als Kreativort in die Zukunft überführen», sagt Cordasco – und Berufskollege David De Caro stimmt ihm zu. Die beiden Männer sind zwischenzeitlich im Besitz des Schlüssels für das Mini-Anwesen. Und zwar nicht, um gemütlich zu frühstücken, sondern um das Werk Zschokkes vor dem Zerfall zu bewahren.

Skulpturen, von Kindern entworfen

Bis die Skulpturen transportbereit sind und in ein Skulpturenlager in der Stadt überführt werden können, dauert es bis zu zwei Jahre. Diese Zeit will das Bildhauer-Duo mit Unterstützung zweier anderer Männer nutzen, um die Zukunft des Kreativortes einzuläuten, wie die vier sagen. «Drei Ebenen sind entscheidend», sagt Cordasco. Obwohl noch nicht klar ist, was jetzt kommt, klingt es aus seinem Mund spannend.

Als erste Ebene spricht er von der Nachbarschaft, von den Schulen und den Kindern dort. Sie sollen Bildhauer-Luft schnuppern und selber Hand anlegen können. Das Ziel: Die Umgebung mit Skulpturen zu schmücken, deren Entwürfe von Kindern stammen. Einbezogen sind Stadtgärtnerei, die Schulen und alle, die etwas zu sagen haben. Auch die Regierung weiss Bescheid, wie aus der Antwort auf einen SP-Vorstoss zum heruntergekommen Wettstein-Anlage-Spielplatz nebenan hervorgeht: «2019 ist um das Wettsteinhäuschen anlässlich des 125. Geburtstages von Alexander Zschokke eine Projektreihe geplant, die diesen Ort mit kulturellen Aktivitäten öffnen möchte.»

So ist es. Genau das wollen die beiden Bildhauer, Theatermann Raphael Bachmann und ebenfalls Bildhauer Andreas Chiquet erreichen. Während Bachmann mit einer Theatergruppe ein Projekt in den Skulpturen plant, will Chiquet einem breiten Publikum die Geschichte dieses und ähnlicher Orte auf Spaziergängen nahebringen. In Stein gemeisselt ist bis auf die Skulpturen noch nichts unwiderruflich. Ziel ist es, offen zu bleiben. Oder wie es Michele Cordasco ausdrückt: «Wir wollen in keine Schublade passen.» Wie lange der Zauber dauern wird, ist unklar. Doch wenn das Häuschen erst mal Beachtung findet, wird es schwierig, wegzuschauen.