Portrait

David Schulthess: Der malende Clochard von der Dreirosenbrücke

«Die Sozialhilfe würde mir eine Notwohnung bezahlen, aber das will ich nicht.» Im April ist David Schulthess unter die Dreirosenbrücke gezogen.

«Die Sozialhilfe würde mir eine Notwohnung bezahlen, aber das will ich nicht.» Im April ist David Schulthess unter die Dreirosenbrücke gezogen.

Er haust unter der Dreirosenbrücke – samt seinem Lebenswerk: 50 Ölbilder. Wir haben David Schulthess besucht und mit ihm gesprochen.

David Schulthess hat freie Sicht auf den Rhein und den wohl grössten Garten der Stadt. Doch mit ihm tauschen will kaum jemand. Denn er hat kein richtiges Bett und auch keine Toilette. Muss er aufs Klo, benutzt er das öffentliche WC. Seine Kleider wäscht er im Rhein – und so sehen sie auch aus.

Es war im April, als Schulthess entschied, unter die Dreirosenbrücke zu ziehen. Seither haust er in der Dreirosenschanze, etwa auf halber Höhe zwischen Rhein und Klybeckstrasse. Das auskragende Brückentrottoir schützt ihn vor dem Gröbsten, was Wind und Wetter bereithalten für Menschen ohne richtiges Dach über dem Kopf. Alle seine Bilder – sein Lebenswerk – hat er mitgenommen. Denn Schulthess ist Maler.

Der 55-Jährige macht einen wachen Eindruck. Tätowierte Arme, braune Haare, gerötete Gesichtshaut, wodurch seine Augen noch blauer scheinen. Er ist frisch rasiert. «Darauf lege ich Wert», sagt er. Seinen Zähnen jedoch kommt das Dasein als Clochard weniger gut: Von einem Zahn ist nur ein brauner Splitter übrig.

Aus der Wohnung geschmissen

Schulthess sagt, er habe dieses Leben selber gewählt: «Die Sozialhilfe würde mir eine Notwohnung bezahlen, aber das will ich nicht.» Zuvor habe er mit seiner Ex-Freundin zusammen gelebt. Doch sie habe ihn rausgeworfen, nach einem Streit. Ja, sie hätten viel gestritten, «wegen jedem Scheiss».

Der Obdachlose hat sich neben einem Basketballfeld eingerichtet. Während er von seinem Leben erzählt, kommt immer mal wieder ein verirrter Ball angerollt. Mit den Leuten hier habe er kaum Kontakt, sagt der gebürtige Basler. Gleich neben ihm lebe ein anderer Obdachloser. «Aber auch mit ihm rede ich nur das Nötigste. Wir haben uns nichts zu sagen.» Er fühle sich sicher unter der Brücke. «Die Polizei ist jeden Tag hier. Aber nicht wegen uns.» (Da hat er sich geirrt, wie sich später herausstellen sollte.)

Es ist nicht die erste Krise, die David Schulthess erlebt. Seine Kindheit war nicht das, was man behütet nennen könne. Er wächst im Dalbeloch auf, in einer jüdischen Familie. Schon der Vater, Jörg Schulthess, war Maler, ein ziemlich erfolgreicher. Bei ihm schaut sich der Junior das Handwerk ab. Der Vater sei ein Mensch mit vielen Ideen gewesen, aber auch ein Chaot, ein unberechenbarer dazu, sagt David Schulthess. «Wir hatten einen echten Affen als Haustier. Es war wild bei uns zu Hause.»

Spricht fliessend Hebräisch

Die Familie zieht viel um, lebt zeitweise in Italien und Israel. Dort lernt Schulthess Hebräisch. Als Jugendlicher sei er rastlos geblieben, sagt Schulthess: In einem Kibbuz habe er gewohnt und bei Beduinen auf der Sinai-Halbinsel.

Doch es gab auch ruhige Phasen in David Schulthess’ Leben. Solche, in der er einer geregelten Arbeit nachging, um für seine Kinder zu sorgen – Schulthess war fast dreissig Jahre lang verheiratet. Er selber sagt, er habe damals «das bürgerliche Leben gespielt».

Als junger Mann lernte er Unterhaltungselektronik-Verkäufer. Später arbeitete er lange bei der Post und zuletzt als Aussenverkäufer bei einem Verlag. Dort habe er «Geld gemacht wie Heu», sagt Schulthess. Aus dieser Zeit würden auch die beiden Pokale stammen, die neben seinem Bett thronen. Es ist ein goldener und ein bronzener. «1. Platz Mitarbeiter CH 2013» und «3. Platz Mitarbeiter global 2013», steht auf den Marmorsockeln.

Herzinfarkt im Flugzeug

Vor zwei Jahren dann ein Schicksalsschlag. David Schulthess, mittlerweile geschieden, war wieder einmal auf Reisen, mit seinen Kindern. «Es war auf dem Flug von Johannesburg nach Doha», erinnert er sich. «Plötzlich spürte ich unglaubliche Schmerzen in meiner Brust.» Herzinfarkt. Wenige Wochen danach ein zweiter. «Da wusste ich, dass ich einen Gang runter schalten muss.»

Unter der Brücke vertreibt er sich die Zeit mit Malen. Leben konnte er von der Malerei nie, aber er hatte durchaus Erfolge, auch wenn die letzte Ausstellung schon eine Weile her ist: Im Jahr 2000 zeigte die Galerie Hiltl seine ausgesprochen dekorativen Werke. Neben der Matratze lagern rund 50 Ölbilder. Ab und zu verkaufe er eines, sagt er. «Das bessert mein Budget auf.» Von der Sozialhilfe gebe es 780 Franken im Monat. «Das reicht nirgends hin.»

Er wolle hier bleiben, sagt David Schulthess. Auch im Winter. «Wir hatten im April noch Frostnächte. Doch daran gewöhnt man sich. Man gewöhnt sich an so vieles, das ist uns meist gar nicht bewusst.»

Nachtrag: Als die bz David Schulthess ein zweites Mal besuchen wollte, war er nicht mehr an seinem angestammten Platz. Er war verhaftet worden. Mittlerweile ist er wieder auf freiem Fuss und sucht sich eine Bleibe.

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