Davidsboden
Davidsboden: Das lange Rätselraten um Siedlung hat ein Ende

Die Helvetia-Versicherung verkauft ihren Anteil an der Überbauung – an ihre eigene Stiftung. Die Mieter sind nicht erfreut. Ihnen wäre ein Verkauf an die Christoph Merian Stiftung lieber gewesen.

Stephan Dietrich
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Lange Zeit blieben die Bewohner der Siedlung Davidsboden im St.Johann-Quartier im Unklaren, doch nun steht die Zukunft fest.

Lange Zeit blieben die Bewohner der Siedlung Davidsboden im St.Johann-Quartier im Unklaren, doch nun steht die Zukunft fest.

Kenneth Nars

«Verkauft!!!» steht in grossen Lettern im «Wir am Abend» von letzter Woche. «Wir am Abend» ist die Zeitung der Siedlung Davidsboden, einer Überbauung mit Pioniercharakter im St.Johann-Quartier. Auf dem Titelblatt sieht man, wie Helvetia-Mann Rolf Schauffert Kaufinteressenten durch die Siedlung führt. Worüber «Wir am Abend» lediglich Vermutungen angestellt hat, ist zur Gewissheit geworden: Die Helvetia-Versicherung hat ihre 64 Wohnungen verkauft – und zwar an ihre eigene Anlagestiftung. «Ich habe am Sonntagabend ein Mail vom Leiter Immobilien bekommen, dass der Verkauf am Freitag abgewickelt wurde», berichtet Urs Thrier, der in der Siedlung als Kontaktmann zu den Eigentümern fungiert.

Noch vor Jahresfrist kein Thema

Gegenüber der bz hatte die Helvetia-Versicherung noch vor einem Jahr verlauten lassen, ein Verkauf sei kein Thema. Strategische Überlegungen bezüglich des gesamten Immobilienportefeuilles hätten nun zu diesem Verkaufsentscheid geführt, erklärt Mediensprecher Andreas Notter. Über den Verkaufspreis will er keine Angaben machen.

Es sei ein marktüblicher Preis bezahlt worden und die Wohnungen seien an den Meistbietenden gegangen. Man kann es auch anders sehen: Dank des Bietverfahrens konnte die Helvetia die Liegenschaft zum höchstmöglichen Preis an ihre Tochter verkaufen. Die Aktionäre dürften sich darüber freuen, die Versicherten der Anlagestiftung weniger.

Anlagestiftung von Steuern befreit

Liegenschaften sind in dieser unsicheren Zeit als sichere Anlagemöglichkeit bei institutionellen Anlegern begehrt. Die Helvetia-Anlagestiftung hat im September eigens eine Anlagegruppe Immobilien Schweiz mit einem Volumen von 150 Millionen Franken emittiert. Anders als die Helvetia selbst ist ihre Anlagestiftung von den kantonalen und Bundes-Steuern befreit. Somit macht der Verkauf an die Tochter unter dem Gesichtspunkt der Steueroptimierung durchaus Sinn.

Dem Verkauf der Wohnungen waren jahrelange Reibereien zwischen der Helvetia und Mietern vorausgegangen. Anders als mit der Christoph Merian Stiftung (CMS) sei die Zusammenarbeit und Kommunikation mit der Helvetia eher schwierig gewesen, meint Urs Thrier. Er hätte es gerne gesehen, wenn die CMS auch den Rest der Siedlung übernommen hätte. Das sei aus anlagepolitischen Gründen nicht infrage gekommen, heisst es aber bei der CMS.

Die Pensionskasse «Stiftung Abendrot» wäre an einem Kauf sehr interessiert gewesen, hat davon aber erst in letzter Minute erfahren, berichtet Abendrot-Geschäftsführer Hans-Ulrich Stauffer. Eine seriöse Abklärung sei in dieser kurzen Frist nicht möglich gewesen.

Zehn Gebote für den Käufer

Mit der Helvetia-Anlagestiftung direkt werden die Mieter nichts zu tun haben, denn diese tritt die Liegenschaftsverwaltung an die Privera AG ab. Urs Thrier sieht die Veränderung auch als Chance. «Wir sind froh darüber, dass die Zeit der Unsicherheit vorbei ist. Wir warten jetzt einmal, wie sich die Privera uns gegenüber verhält. An den Spielregeln selbst hat sich durch den Verkauf nichts geändert.»

Morgen Freitag findet die ohnehin geplante Vollversammlung statt – nun unter veränderten Vorzeichen. Schon vor dem Verkauf hat «Wir am Abend» zehn Gebote für den Käufer abgedruckt. «Du sollst Selbstverwaltung nicht damit verwechseln, dass nur Du selbst Verantwortung übernimmst», heisst es dort, oder dass der Ertrag etwas mit erträglich zu tun habe und dass Lebensqualität das krisensicherste Kapital sei. Und ausserdem: «Du sollst Verständnis dafür haben, dass die Mieter und Mieterinnen am 1. August nicht ‹Heil Dir Helvetia› singen.»

Davidsboden: Teilweise selbstverwaltet

«Ein lebendiges Dorf mitten in der Stadt» so titelte die bz am 2. Juli 2011 zum 20-Jahr-Jubiläum der Siedlung Davidsboden im Basler St. Johann-Quartier. Tatsächlich ist die Überbauung in vieler Hinsicht speziell. Auf dem Areal des früheren Apparatebauers Bertrams ist für 38 Millionen Franken eine Siedlung mit 154 Wohnungen für rund 400 Mieter entstanden. Ursprüngliche Bauherren waren die Christoph Merian Stiftung (CMS, zu 59%) und die damalige Patria (41%), die ihren Anteil später der Helvetia-Versicherung übertragen hat. Das Areal selbst gehört dem Kanton. Er hat es im Baurecht an die Investoren abgetreten. Die Siedlung ist zwar nicht selbstverwaltet, aber die Mieter haben dort mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten, aber auch mehr Pflichten als anderswo üblich. So kann zum Beispiel jedes Haus seine Mieter selbst auswählen. Für übergeordnete Belange sind Hausvereinspräsidenten zuständig. Einmal jährlich findet eine Vollversammlung statt, das nächste Mal morgen Freitag. Hauptdiskussionspunkt dürfte der Teilverkauf der Überbauung sein. (sd)