Deutsch lernen

«Dear friend, lieber Freund»: Der tiefe kulturelle Graben zwischen «Expats» und Einheimischen

Weshalb soll ein Expat noch Deutsch lernen, wenn es das ganze Angebot auch auf Englisch gibt? (Symbolbild)

Weshalb soll ein Expat noch Deutsch lernen, wenn es das ganze Angebot auch auf Englisch gibt? (Symbolbild)

Expats brauchen kein Deutsch zu lernen, denn überall in der Schweiz wird ein wenig Englisch gesprochen. Kinder von Expats brauchen auch kein Deutsch zu lernen, denn das ganze Programm –vom Kindergarten bis zur BMS – ist auch auf Englisch verfügbar.

Dear friend, lieber Freund,

My name is Daniel, how do you do? Ich heisse Daniel, wie geht es Dir? I like it that we can say you to each other from the start. Ich mag es, dass wir uns von Anfang an duzen können. Instead of meandering between you and you. Anstatt zwischen Sie und Du hin und her zu schwanken. I have an important message for you. Ich habe eine wichtige Botschaft an Dich. Learn German! Lerne Deutsch! Let me explain why. Ich erkläre Dir, weshalb.

Now I will continue in German only, because I run out of space. You may use Google translate to understand me. Jetzt schreibe ich auf Deutsch weiter, weil mir sonst der Platz ausgeht. Du kannst Google Übersetzung benützen, um mich zu verstehen.

Als Du nach Basel kamst, bemerktest Du rasch, dass Deutsch hier die Hauptsprache ist, abgesehen vom mündlichen Dialekt. Aber dann lerntest Du auch, dass niemand Dich zum Deutsch sprechen zwingt, weil sich viele Leute auch ein wenig auf Englisch verständigen können.

Obwohl Du Dich mit Englisch durchschlagen konntest, nahmst Du Dir fest vor, schon bald auch Deutsch zu sprechen. Doch dann kam der Alltag und hat Dich überrollt. Du musstest Dich mit seltsamen Bebbi-Säcken und undurchsichtigen Nachbarn herumschlagen. Dein Arbeitgeber forderte von Anfang an vollen Einsatz. Für Deine Kinder galt es, den richtigen Kindergarten und die schlauste Schule zu finden.

Natürlich schautest Du Dir die Internationale Schule Basel (ISB) an, die älteste ihrer Art in der Region. Dort wurde Dir klar, dass Deutsch vielleicht gar nicht so wichtig ist. Zwar gibt es für die Kleinen bis zum Alter von 10 Jahren eine Art Aufbaustudium im Standarddeutsch. Doch für Deinen älteren Nachwuchs ist Deutschunterricht nur noch optional*. Zwar bekamst Du bei der Arbeit mit, dass das ausländische Putzpersonal mithilfe von «Integrationsvereinbarungen» des Staates zum Erwerb der lokalen Sprache gedrängt wird. Für Dich entfiel dieser Druck seltsamerweise. Trotz Deines hohen Bildungsniveaus und obwohl es Dir und Deiner Familie hier gefällt und Ihr Euch vielleicht für längere Zeit niederlassen wollt.

Wie mich, erstaunte es auch Dich, dass die Bildungsverantwortlichen beider Basel keinerlei Anstalten machen, den Internationalen Schulen vorzuschreiben, den Deutschunterricht während der ganzen Schulzeit für obligatorisch zu erklären. Dank knapp gehaltenen Deutschkenntnissen können die Internationalen Schulen darauf zählen, dass ihre älteren Schülerinnen und Schüler nicht in den Gratis-Unterricht des Staates abwandern. Dort könnten sie ebenfalls eine international gültige Matura erwerben. So wachsen Deine Kinder, wie Du auch, in eine Parallelgesellschaft hinein und bleiben darin hängen. Sie haben nur geringe Chancen, Baslerinnen und Basler zu werden.

Was für eine verpasste Gelegenheit für sie, für Dich und die Region! Der tiefste kulturelle Graben verläuft heute zwischen den so genannten «Expats» und den Schweizerinnen und Schweizern und nicht mehr zwischen Einheimischen und integrationswilligen Italienern, Türkinnen, Kosovo-Albanern oder Portugiesinnen. Think about it.

Herzliche Grüsse
Daniel

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* Korrigendum seitens der International School Basel: «Die Der obligatorische Deutschunterricht bei der IBS dauert nicht nur bis zum Alter von 10 Jahren, wie in der Kolumne Unsere Kleine Stadt vom 5. November dargestellt, sondern bis zum Alter von 14 Jahren.»

Daniel Wiener
Der in Liestal aufgewachsene und in Basel lebende Autor ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

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